Stanley Tucci über seinen Film „Final Portrait“


„Biografien finde ich meistens langweilig“

05.08.2017
Interview:  Peter Beddies

Stanley Tucci: „Man muss wahrhaftig sein. Dann glauben einem die Menschen, was man erzählt“ © Filmladen

Große Rollen von „Der Teufel trägt Prada“ bis „Die Tribute von Panem“. Zwei Golden Globes und ein Tony-Award am Broadway: Der New Yorker Stanley Tucci zählt seit vielen Jahren zur Elite der US-Schauspieler. Im Zweitberuf ist Tucci aber auch ein renommierter Regisseur, und das führt er dem Publikum jetzt zum fünften Mal vor. In Tuccis brillanter Künstler-Komödie „Final Portrait“ geht’s um die wahre Geschichte des US-Kunstfreunds James Lord (Armie Hammer), der sich 1964 in Paris vom weltberühmten Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) porträtieren ließ. Und der dabei so tiefe Eindrücke sammelte, dass daraus zunächst ein Buch und nun dieser Film entstand. 


FilmClicks: Mr. Tucci, Sie haben mit „Final Portrait“ eine ungewöhnliche Biografie über Alberto Giacometti vorgelegt, in der Sie nicht sein ganzes Leben schildern, sondern nur eine Episode aus seinen späten Jahren. Warum haben Sie diesen Zugang gewählt?
Stanley Tucci:  Biografien auf der Leinwand finde ich meist langweilig. Man kann kein ganzes Leben in zwei Stunden erzählen. Dafür bräuchte man eine ganze Serie. Doch mir gefiel die Idee in unserer Story, dass sich ein Typ vor Giacomettis Staffelei begibt, im Glauben, das Portrait würde nur einen Nachmittag dauern. Und dann dauert das Monate und er lernt in dieser Zeit den Künstler kennen. So sollte auch der Zuschauer Giacometti kennen lernen.

„Final Portrait“: James Lord (Armie Hammer, l.) und Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) im Atelier © Filmladen

James Lord, der Mann, der sich von Giacometti porträtieren ließ, hat aus seinen Erlebnissen ein Buch gemacht.
Ja, „Das Giacometti-Portrait“. Das habe ich vor Jahren gelesen und immerzu mit mir herumgeschleppt. In diesem Buch ist die Rede von denen Dingen, die man versuchen sollte einzufangen, wenn man über ein kreatives Leben erzählt: vom Schaffensprozess und dem ständigen Ringen um die Kunst. Irgendwann kam mir der Gedanke, daraus eventuell einen Film zu machen.
 
Welche Momente sind für Sie als Filmemacher die besonders wichtigen?
Diejenigen zwischen den großen und bedeutenden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich von meinen Kindern nie Fotos der speziellen Augenblicke gemacht habe. Ich fand es immer viel schöner, wenn sie ganz normal gespielt haben, wenn sie in sich versunken waren. Nach solchen Momenten habe ich auch bei diesem Film gesucht. Die sagen viel mehr über den Menschen aus als irgendwelche Action oder Aufregung.
 
Wenn man sich mit einem Genie wie Alberto Giacometti befasst, vergleicht man sich dann mit ihm?
Sie meinen, ob ich gern ein Künstler seines Kalibers wäre? Das auf jeden Fall! Kann ich nachvollziehen, dass er nie zufrieden war, dass er ständig an sich gezweifelt hat? Nun – welcher Künstler kann das nicht? Da ist mir Giacometti sehr nahe.
 
Giacometti scheint ein ganz schöner Exzentriker gewesen zu sein. Haben Sie da etwas überspitzt?
Nein, auf keinen Fall. Für uns galt immer die Devise: Giacometti war seiner Kunst wahrhaftig verpflichtet und nun sind wir seinem Leben verpflichtet. Vielleicht haben wir den einen oder anderen kleinen Gag eingeflochten. Aber man muss wahrhaftig sein. Dann glauben einem die Menschen auch, wovon man erzählt.
 
Sie haben sich intensiv mit dem Leben und Wirken von Giacometti beschäftigt. Er ist enorm erfolgreich gewesen. Aber es konnte nie jemand sagen, wozu er eigentlich gehörte. In welche Kunstrichtung.
 Stimmt. Aber das ist ja das Tolle an ihm. Giacometti ist Giacometti. Er lässt sich kaum mit irgendwem vergleichen. Er selbst hat mit allen gebrochen, um seinen ganz eigenen Weg zu gehen. Er war revolutionär und dennoch auch altertümlich. Eine Mischung, die bei keinem anderen so funktioniert hat.
 
Giacometti scheint ein Kettenraucher gewesen zu sein. Was an Ihrem schönen Film unter anderem auffällt, ist, wie unfassbar viele Zigaretten Ihr Hauptdarsteller Geoffrey Rush rauchen musste.
Alles Fake-Zigaretten. Selbst wer heutzutage Raucher ist und es genießt, beim Arbeiten zu rauchen – das geht nicht mehr. Sowohl beim Film als auch beim Theater müssen Kräuterzigaretten verwendet werden. Insofern musste Geoffrey nicht wirklich leiden.  
 
Außerdem zeigen Sie ein sehr schönes Bild von Paris!
Ohne jemals in Paris gedreht zu haben.

Ach so.
Ja, ich lebe die meiste Zeit des Jahres in England und habe den Film da geplant. Natürlich haben wir mit der Idee gespielt, in Paris zu drehen. Letzten Endes haben wir darauf verzichtet. Wir konnten es uns schlichtweg nicht leisten.
 
Was hat Sie nach England gezogen?
Ich habe vor fünf Jahren geheiratet und bin mit meiner Frau in ihre Heimat gezogen.
 
Sie haben erwähnt, dass Sie nur sehr wenig Geld für „Final Portrait“ hatten. Wenn man jetzt an Amazon oder Netflix denkt…
…das sind genau die Orte, an denen künftig solche Projekte wie „Final Portrait“ entstehen werden. Independent-Filme wären tot, würde es Netflix und Amazon und andere nicht geben. Die Studios hatten mal Ableger für kleine Filme. Aber mit denen lässt sich nicht genug Geld verdienen. Also wollen sie sich mit ihnen überhaupt nicht mehr abgeben. Wenn ich mal wieder einen Film machen möchte, werde ich auf jeden Fall bei Amazon und Co. nachfragen.             
 



Kritik
Final Portrait
Hollywood-Star Stanley Tucci setzte sich für „Final Portrait“ in den Regie-Sessel. Er inszenierte eine feine Künstler-Komödie, in der sich alles um das Werk, die Launen und die Affären des weltberühmten Künstlers Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) dreht. Mehr...
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