Sam Rockwell über „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“


„Wie schön - ein Film voller Antihelden“

26.01.2018
Interview:  Peter Beddies

Golden Globe und Oscar-Nominierung: Sam Rockwell als Cop in „Three Billboards“ © 2017 20th CenturyFox

Sam Rockwell zählt zu jenen Hollywood-Größen, die ein wenig im Schatten der Megastars agieren. Doch dank des spektakulären Thriller-Dramas „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ steht er derzeit mitten im Rampenlicht. Sein Porträt des dämlichen und rassistischen Polizisten Jason Dixon brachte dem Kalifornier erst einen Golden Globe und jetzt eine Oscar-Nominierung ein.  Im FilmClicks-Gespräch  schwärmt Rockwell über „Three Billboards“ und seine Filmpartnerin Frances McDormand. Und er erzählt darüber, was ihn am Schauspielberuf so sehr fasziniert.


FilmClicks: Mr. Rockwell, wie fühlt sich das an, wenn man ein Drehbuch wie jenes zu „Three Billboards“ in die Hand bekommt?
Sam Rockwell: Ha! Als wäre Weihnachten und man hätte soeben das schönste Geschenk ausgepackt. Es gibt im Englischen den Begriff „No Brainer“ – muss man beim Spielen nicht drüber nachdenken. Diesen Dixon zu spielen, das war einfach ein Kinderspiel. Das sage ich nicht, um mich irgendwie hervorzutun. Aber die Figuren waren im Drehbuch so etwas von toll beschrieben und gezeichnet. Ich musste wirklich nicht mehr viel tun.
 
Außer gegen Frances McDormand zu bestehen, mit der Sie auf der Leinwand mächtig aneinandergeraten.
Für die Leistung von Frances in diesem Film gibt es für mich nur ein Wort: Formidabel! Und dabei ist sie so eine so wunderbare Kollegin. Es macht einfach Spaß, mit ihr zu arbeiten. Aber Sie haben völlig Recht. Wenn man Szenen mit ihr hat und ist nicht zu 100 Prozent fokussiert, dann spielt sie einen locker an die Wand.

Konfrontation vor der Kamera: Sam Rockwell und Frances McDormand © CentFox

Das Tolle an „Three Billboards“ ist unter anderem, dass man lange nach Helden suchen muss.
Sie meinen klassische Helden? Gibt es hier nicht! Ich weiß noch, wie ich das Drehbuch zum ersten Mal las und dachte:  Wie schön, ein Film voller Antihelden. Alle haben ihre dunklen Seiten, die sie in diesem Film auch voll ausleben dürfen. So etwas trauen sich nur die wenigsten Filmemacher.
 
Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?
Mein Officer Dixon ist ein Idiot, ein Narr. Jemand, bei dem man sich stundenlang fragen könnte, wer bloß auf die Idee gekommen ist, dass dieser Typ ein Polizist werden könnte. Aber dann trifft er auf diesen Orkan namens Mildred Hayes (die Rolle von Frances McDormand, Anm.). Und er macht eine Wandlung durch, aus der er am Ende als anderer Mensch hervorgeht. Zumindest den Rassisten in ihm, den scheint er in den Griff bekommen zu haben.
 
Macht das Spaß, einen Rassisten zu spielen?
Ich habe in letzter Zeit mehrere Rassisten gespielt. Aber das liegt nicht daran, dass ich deren Ideale teile. Ich bin komplett anders aufgewachsen. Diese Welt ist mir sehr fremd. Aber es ist interessant für mich als Schauspieler, mich in diese Welt hinein zu fühlen.
 
Wenn man „Three Billboards“ sieht, fühlt man sich sehr an die derzeitige Lage in den USA erinnert, speziell was Rassismus betrifft.
Ja, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Rassismus scheint in den USA wieder auf dem Vormarsch zu sein. Viele Jahre sah es so aus, als hätten wir damit überhaupt kein Problem mehr. Da haben wir uns wohl getäuscht. Woran das liegt, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass man nicht schweigen darf. Wir müssen über den Rassismus, egal wo er auftritt, reden.
 
Sie sind schon eine ganze Weile als Schauspieler unterwegs. Aber es hat den Anschein, als hätten Sie nach  Erfolgen wie „The Green Mile“ oder „Moon“ sehr lange auf große Rollen warten müssen.
Um ganz ehrlich zu sein, dachte ich schon, es würde mir als Schauspieler so ähnlich wie in der Schule ergehen.

Abgehoben: Sam Rockwell als Astronaut in „Moon“ © Polyfilm

Keine guten Erinnerungen?
Oh nein, auf keinen Fall. Ich war zum einen ein schlechter Schüler. Aber dieses Schicksal teile ich mit nicht wenigen Menschen. Was ich wirklich schlimm fand, dass ich keine Ahnung hatte, was das Leben für mich bereithält. Ich hatte nicht den Schimmer einer Idee, worin ich gut war.
 
Was haben Sie also nach der Schule getan?
Ach, so einiges. An der Tankstelle gearbeitet. In Restaurants die Tische abgeräumt. All so was. Und dann tauchte plötzlich die Schauspielerei auf. Was für mich auf jeden Fall eine Erlösung war.
 
Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Arbeit? Für manche Ihrer Kollegen sind es Zeitreisen. Andere beschreiben es als Erfüllung, wenn sie einem Charakter gerecht werden.
Für mich ist es das Schönste, dass ich tief in meinem Inneren Kind bleiben darf. Dass das sogar nötig ist, um meinen Beruf auszuüben. Und dass ich mir gewisse Freiheiten nehmen darf, die viele Menschen kennen, die in kreativen Berufen tätig sind. Ich darf mitten am Tag einfach so irgendwo herumsitzen und träumen. Niemand kommt und schickt mich zurück zur Arbeit. Eben weil das Teil der Arbeit ist. Dass ich meine Batterien auf diese Weise auffülle. Und sicher noch einiges andere mehr, das ich aber nicht näher beschreiben kann.
 
Und was nervt am meisten?
Das zum Teil endlose Warten. Ich habe, wie das jeder Schauspieler so hat, meine Methoden, um mich in kurzer Zeit, in eine emotionale Stimmung zu versetzen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Einmal musste ich schnell wütend werden. Also habe ich in meinem kleinen Raum, in dem ich mich vorbereiten konnte, einen Schirm und einen Eimer genommen und habe beides ordentlich zerlegt. Als ich dann zum Drehen gerufen wurde, war ich auf den Punkt in der nötigen Stimmung. Und was sagt die Crew: „Uns ist gerade etwas dazwischen gekommen. Können wir in einer halben Stunde weitermachen?“. Und dann steht man da mit dieser Energie und weiß nicht wohin. Das finde ich absolut furchtbar.

Oscar-Anwärter: Frances McDormand, Woody Harrelson und Sam Rockwell sind alle nominiert © Centfox

Nehmen Sie eine Filmfigur wie den Polizisten Dixon während der Dreharbeiten eigentlich abends mit nach Hause?
Oh nein, so arbeite ich nicht. Ich gehe nach Hause und schaue mir eine Folge der „Simpsons“ an und trinke ein Bier dazu. Es ist für mich schon erschöpfend genug, wenn ich zwischen den einzelnen Szenen im Charakter bleiben muss. Wenn Daniel Day-Lewis komplett in einer Rolle aufgeht oder vielleicht auch Christian Bale, dann mag das für sie in Ordnung sein. Ich habe mit Gene Hackman und Robert De Niro gearbeitet. Oder mit Christopher Walken. Die haben das nicht gemacht. Oder, wer mir da gerade einfällt, Philip Seymour Hoffman. Der hat zwischen den Szenen immer Witze erzählt und dann – als würde er einen Schalter umlegen - spielte er die nächste Szene, als hätte er stundenlang auf diesen Moment gewartet. Ach Philip, ich werde richtig traurig, wenn ich an ihn denke. Viel zu früh gestorben. Wir waren befreundet. Einen Besseren als ihn hat es in meiner Generation nie gegeben.       
 



Kritik
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