Set-Besuch: „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“

Auf den Spuren von André Heller

06.11.2017
von  Gunther Baumann
„Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“: Regisseur Rupert Henning (M.) und Ensemble am Set © Dor-Film
Der Titel ist sperrig, doch der Autor bürgt für Poesie: André Heller. In Wien und Oberösterreich wird derzeit „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ verfilmt. André Heller landete mit der gleichnamigen Erzählung 2008 einen Buch-Erfolg. 2018 soll die Filmversion ins Kino kommen. Regisseur Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée („Vorstadtweiber“) das Drehbuch schrieb, inszeniert mit Stars wie Karl Markovics, André Wilms, Sabine Timoteo, Gerti Drassl und dem jungen Valentin Hagg. FilmClicks hat beim Dreh in Wien vorbeigeschaut.
Heller. „Ich habe ein Buch geschrieben, und dieses Buch fanden begabte Menschen interessant genug, um es zu verfilmen“, sagt André Heller. „Ich gab ihnen alle Rechte, es zu verändern, zweckdienlich für einen interessanten Film. Den werde ich erstmals bei der Premiere sehen. Wobei ich kein Abziehbild meines Buches erwarte, sondern ein eigenständiges Werk, das hoffentlich viele Menschen berührt.“
 
Der Schauplatz: Ein altes Palais in der Wiener Innenstadt; der Stephansdom steht fast ums Eck. Hier werden wichtige Szenen von „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gedreht.  André Heller kam dieser Tage erstmals zum Set, aber es ging ihm mehr um Konversation als um Beobachtung.
 
„Heller begleitet das Projekt liebevoll, aber er ist keine Eislaufmutter, die observieren muss, wie das Kind läuft“, sagt Regisseur Rupert Henning. Die vom Autor eingeräumte Freiheit zur Veränderung will er nutzen: „Ein Film muss sich fortbewegen dürfen von der Vorlage. Sonst muss man ihn gar nicht machen.“
 
Story. Im Zentrum der Story steht André Hellers kindliches Alter Ego, der zwölfjährige Paul Silberstein (gespielt vom Newcomer Valentin Hagg), der im Wien der späten Fünfziger Jahre unter der despotischen Art seines Vaters (Karl Markovics) leidet. Und der erst lernt, bei sich selbst Kind zu sein, nachdem der Vater verstorben ist.

Vater und Sohn: Karl Markovics und Valentin Hagg © Dor-Film

Den Rahmen bilden der Wiener Lokalkolorit und der Blick auf das Großbürgertum jener Zeit. „Wir können einen Blick auf die Nachkriegszeit werfen, wie man sie noch nie gesehen hat“, sagt Produzent Danny Krausz (Dor-Film). „Die Geschichte spielt in einer kosmopolitischen Gesellschaft, in der viele nach dem Krieg nicht nach Wien heimkehren wollten, während sie die Stadt zugleich doch als Heimat identifizierten – schwelgend in einer Nostalgie, die wir heute kaum nachvollziehen können.“
 
Markovics. Karl Markovics spielt den Zuckerl-Industriellen Roman Silberstein, einen zum Christen konvertierten Juden, den das (Über-)Leben während der Nazi-Diktatur aus der Bahn geworfen hat. Und der seinen kleinen Sohn Paul unter seinem despotischen Familien-Regime leiden lässt.
 
„Roman Silberstein ist ein menschenverachtender, von eigenen Dämonen getriebener Mann“, sagt Markovics über seine Figur. „Im Grunde ist er ein armer Mensch, doch er tut einem nicht leid, weil er die anderen quält und vom Leben fernhält.“
 
Der Patriarch wurde von André Heller nach dem Vorbild seines Vaters geformt. Hat Karl Markovics aus erster Hand Erkundungen angestellt, wie er den Mann anlegen könnte? Markovics im FilmClicks-Gespräch: „Nein. Ich habe André Heller erst jetzt erstmals leibhaftig getroffen. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass ich den Kontakt zu ihm für die Rolle brauche. Roman Silberstein ist der Mann, der in der Familienaufstellung alle Fäden zieht.  Diese Fäden reißen bei seinem Tod, und dann sind die Marionettenfiguren plötzlich frei.“
 
Henning. Regisseur Rupert Henning ließ sich schon beim Lesen der Erzählung bereitwillig in den Kosmos des jungen André Heller treiben. „Schon nach wenigen Seiten dachte ich, hier sehe ich ständig laufende Bilder. Daraus wuchs die Sehnsucht, diese Coming-of-Age-Geschichte weiterzuerzählen. Ich habe eine starke Verbindung zu André Heller, mit dem ich schon andere Projekte realisierte. Sein Pauli Silberstein hat mich an die Hand genommen mit der Aufforderung, komm‘, lass‘ uns gemeinsam weitergehen.“
 
Diesen zwölfjährigen Paul Silberstein für den Dreh zu finden, war natürlich eine enorme Herausforderung. Henning: „Wir haben Hunderte Buben angeschaut. Und dann haben wir mit Valentin Hagg einen Jungen gefunden, der noch nie einen Film drehte und der jetzt auf einer gemeinsamen Ebene mit den Profis agiert. Das verblüfft und verwundert mich jeden Tag – Valentin ist eine Bereicherung unseres Lebens.“
 
„Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist eine rein österreichische Produktion (mit dem ORF und Arte/ARD als TV-Partnern). Produzent Danny Krausz ist aber überzeugt, dass der Film eine internationale Karriere vor sich hat. „Primär adressieren wir den gesamten deutschen Sprachraum, doch die Geschichte spricht auch andere Tangenten an. Zum Beispiel jene Länder, die mit Österreich einst in der Monarchie verbunden waren.“

Festival. Krausz ist so überzeugt von dem Projekt, dass er die Weltpremiere 2018 nicht in Österreich feiern will: „Wir streben eine große Festival-Premiere an. Der Film soll Mitte nächsten Jahres fertig sein. Das früheste, was sich ausginge, wäre eine Position in Cannes. Oder anschließend eine Sommerpremiere in Venedig. Beides würde uns und dem Film sehr gut stehen.“




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