Filmfest Venedig 2017

Paarlaufen am Lido: Cruz & Bardem, Mirren & Sutherland

06.09.2017
von  Peter Beddies, Gunther Baumann
Sie kamen zur Premiere von „Loving Pablo“: Javier Bardem und Penélope Cruz © Katharina Sartena
Filmfest Venedig: Zwei Paare – zwei Schicksale, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Javier Bardem und Penélope Cruz erzählen im Reality Thriller „Loving Pablo“ von der heißen Affäre zwischen dem Drogenboss Pablo Escobar und der Journalistin Virginia Vallejo. Helen Mirren und Donald Sutherland gehen im berührenden Road Movie „The Leisure Seeker“ als alternde Liebende noch einmal auf große Fahrt.
Road Movie: Donald Sutherland und Helen Mirren in „The Leisure Seeker“ © Filmfest Venedig

The Leisure Seeker

Genre: Tragikomödie
Regie: Paolo Virzi (Italien)
Star-Faktor: hoch (Helen Mirren und Donald Sutherland).
Venedig-Premiere: im Wettbewerb um den Goldenen Löwen
 
Der „Leisure Seeker“ ist eigentlich ein in die Jahre gekommenes Wohnmobil, ein Winnebago. Die Eheleute Ella (Helen Mirren) und John (Donald Sutherland) haben ihrem alten Reisegefährt diesen Namen gegeben.
 
Doch eines Tages ist der Leisure Seeker weg. Einfach aus aus der Garage verschwunden. Und mit ihm - die erwachsenen Kinder sind empört - Ella und John. Die beiden Alten haben sich die Freiheit herausgenommen, ein letztes Mal auf große Reise zu gehen, ohne irgendjemanden vorab zu informieren.
 
Solche Road Movies gab es in den letzten Jahren natürlich zuhauf. Der italienische Regisseur Paolo Virzi hat sich für seinen ersten US-Film aber eine ganz besondere Konstellation einfallen lassen. Seine Protagonisten Ella und John lieben sich und würden nie allein verreisen. Aber sie könnten ihre Fahrt auch gar nicht ohne Partner antreten. Denn John hat Alzheimer und Ella Krebs im Endstadion. Sie ist also der Kopf des Unternehmens, er der Körper.
 
„The Leisure Seeker“ tut nicht so, als würde der Film das Genre der Tragikomödie neu erfinden wollen. Paolo Virzi ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler, der seine Zuschauer, gerade wenn es um schwierige Themen geht, immer im Blick hat. Er verstört nicht. Er schildert mit einer Hingabe und Liebe, die im Kino dieser Tage vielleicht altmodisch wirken mag. Aber diese Art zu erzählen tut der Seele gut.
 
Der Regisseur findet eine sehr schöne Balance. Er scheut auch vor Szenen nicht zurück, in denen Ella ihr Körper nicht mehr gehorcht. Oder in denen John komplett ohne Orientierung dasteht. Auch das Thema Sex im Alter wird delikat behandelt. Und vor allem wird großartig gespielt.
 
Helen Mirren und Donald Sutherland porträtieren dieses Paar auf der Abschlussreise, das mal in eine Trump-Unterstützer-Demo gerät oder sich erfolgreich gegen Gauner zu Wehr setzt, einfach unwiderstehlich. Nach diesem Film hat man ein bisschen weniger Angst vorm Alter. (bed)

Kinostart: 9. Februar 2018
Kinochancen: gut, da der Film zu Herzen geht
Gesamteindruck: Der Film zur exakt richtigen Zeit. Die Gesellschaft wird immer älter. Die Nachwachsenden haben keine Zeit für die Alten. Also sind sie auf sich allein gestellt und brechen zu einem wunderbaren letzten Abenteuer auf.

Gefährlich: Javier Bardem als Drogenboss Escobar in „Loving Pablo“ © Filmfest Venedig

Loving Pablo
Genre: Thriller / Biografie
Regie: Fernando León de Aranoa (Spanien)
Star-Faktor: hoch (Javier Bardem und Penélope Cruz).
Venedig-Premiere: Außer Konkurrenz

Im wahren Leben ein Ehepaar – auf der Leinwand ein Liebespaar. Die spanischen Hollywood-Stars und Oscar-Preisträger Javier Bardem und Penélope Cruz leisten sich in „Loving Pablo“ den Spaß, vor der Kamera noch einmal so richtig heftig füreinander zu entbrennen.   
 
Das Feuer lodert noch höher, wenn man weiß, welche Figuren die beiden da spielen. Der Pablo aus dem Filmtitel, verkörpert von Javier Bardem, ist kein anderer als der Drogengangster Pablo Escobar (1949 – 1993), der als Chef des Medellin-Kartells Reichtümer stapelte, während er gleichzeitig für die hemmungslosen Gewalttaten seiner Leute berüchtigt war.  
 
Penélope Cruz wiederum trägt die schrillen Outfits der kolumbianischen Moderatorin und Journalistin Virginia Vallejo, die sich auf ein Verhältnis mit Escobar einließ. Ein riskantes Unterfangen, das ihr in jeder Hinsicht viel Herzklopfen eintrug (auf ihren Memoiren „Loving Pablo, Hating Escobar“ basiert der Film).
 
„Loving Pablo“ ist ein reichlich konventioneller Film geworden, der einen aber wegen seiner (blutrot und paradiesvogelbunt) schillernden Hauptfiguren und wegen seiner Stars mühelos zwei Stunden in den Kinosessel zwingt.
 
Javier Bardem, der am Lido in Darren Aranofskys Horrordrama „mother!“ reichlich blass wirkte, zeigt in „Loving Pablo“ etliche Facetten seiner Schauspielkunst. Mit dickem Bauch und fettigem Haar porträtiert er Pablo Escobar als vordergründig freundlichen Mann, der seine Kinder abgöttisch liebt und der in der Begegnung mit Frauen den Charme der Macht spielen lässt.
 
Geht’s ums Geschäft, wird dieser Drogenboss aber zur monströsen Gestalt. Er lässt junge Männer aus den Armenvierteln zu Profikillern ausbilden. Er lässt Konkurrenten und Politiker bei gezielten Mordanschlägen umbringen und irgendwann auch mal eine Verkehrsmaschine (durch eine Bombe) abstürzen, in der mehr als 100 Menschen ihr Leben verlieren.
 
Penélope Cruz legt die kolumbianische TV-Berühmtheit  Virginia Vallejo als aufgedonnerte und zickige Lady an, die von den Schattenseiten ihres Gegenübers Escobar erst mal nicht viel wissen will. Lieber lässt sie sich von ihm seine Sozialprojekte in Medellin erklären, wo das Drogengeld auch dazu verwendet wird, Sozialbauten für die Armen zu errichten.
 
Bereitwillig sinkt Virginia irgendwann in  Pablos Arme. Doch sie merkt bald, dass diese Affäre, die nicht lange geheim bleibt, keine gute Idee war. Dass sie ihren job beim Fernsehen verliert, ist dabei fast zweitrangig. Die Nähe zu Escobar bedeutet Nähe zur Drogenkriminalität, und die ist lebensgefährlich.
 
In Todesangst schlüpft Virginia Vallejo schließlich unter die Fittiche der US-Behörden,  die den furchtbaren Mann gemeinsam mit den Kolumbianern endlich fassen wollen. Und sie gibt einen entscheidenden Tipp, der dazu beiträgt, Escobar für immer auszuschalten.
 
Unterm Strich ist „Loving Pablo“ ein gruselig spannendes Dokudrama  über eine schreckliche Zeit im sonst so lebensprall attraktiven Lateinamerika. Javier Bardem und Penélope Cruz geben auch vor der Kamera ein prächtiges Paar ab. (bau)
 
Kinostart: noch kein Termin
Kinochancen: gut – wegen der spannenden Story und der beiden Stars
Gesamteindruck: Ein konventioneller Reality Thriller, der dank seiner mörderischen Story und seiner großartigen Hauptdarsteller überzeugt




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