Filmfest Venedig 2016

Die verlorenen Paradiese

08.09.2016
von  Gunther Baumann, Peter Beddies
Oscar-Preisträgerin Natalie Portman präsentierte ihren Film „Jackie“ am Lido © Katharina Sartena
Das Filmfest Venedig: Drei Filme über Frauen und verlorene Paradiese. John Miltons berühmtes Gedicht „Paradise Lost“ steht am Beginn des starken italienischen Road Movies „Questi giorni“, das am 8. September als einer der letzten Starter in den Wettbewerb um den Goldenen Löwen eintrat. Auch auf zwei weitere Wettbewerbsfilme passt das Bild vom verlorenen Paradies: Jackie Kennedy (Natalie Portman) weint in „Jackie“ um ihren Mann John F. Kennedy, der beim Attentat in Dallas ermordet wurde. Und in der wilden Blutoper „The Bad Batch“ erreicht eine junge Frau den Ort ihrer Träume erst, nachdem sie Schreckens-Situationen überstanden hat, die kein Mensch erleben will.
„Questi giorni“: Famoses Road Movie über vier junge Frauen © Filmfest Venedig

Questi giorni

Genre: Road Movie
Regie: Giuseppe Piccioni  (Italien)
Star-Faktor: außerhalb Italiens gering (Margherita Buy, Maria Roveran, Marta Gastini, Laura Adriani)
Venedig-Premiere: im Wettbewerb um den Goldenen Löwen
„In diesen Tagen ist wenig geschehen, aber es hat sich viel verändert“, heißt es am Ende von „Questi giorni“, einem wunderbaren Road Movie, in dem vier junge Italienerinnen  ihre Lebensentwürfe und Träume überprüfen.
Zu Beginn sitzen die Freundinnen in der Universität und lassen sich von ihrem Professor in die Welt von John Miltons „Paradise Lost“ einweisen. Und in die These, dass jugendliche Gefühle von Ewigkeit und hochfliegenden Plänen nur allzu oft als Illusion zerplatzen.
Dann steigen sie ins Auto, um eine der vier nach Belgrad zu begleiten, wo sie einen Job antritt. Der enge Raum und die Nähe wirken wie ein Lebens-Labor. Was immer die Mädchen tun oder denken, es wird durch die anderen reflektiert und bewertet.
Mal geht es um die aktive oder passive Daseins-Gestaltung, mal um Sexualität, um Kinder, um Männer. Und in einem tragischen Fall geht es auch um Geheimnisse: Die schönste der Freundinnen hat kurz vor der Abfahrt eine Krebsdiagnose bekommen, die sie für sich behält. Doch als die Krankheit unübersehbar wird, kann sie voll auf den Beistand  der anderen zählen.
„Questi giorni“ schimmert wie eine bunte und auch dunkle Kette kleiner filmischer Kostbarkeiten.  Autor/Regisseur Giuseppe Piccioni schafft es von der ersten Minute an, das Publikum ins Geschehen hineinzuziehen. Man sitzt quasi mit im Wagen, wenn die Mädels auf die Reise gehen; man freundet sich mit ihnen an, man hört und schaut ihnen gerne zu. Was auch damit zu tun haben mag, dass der Film alle Betrachter zum Nachdenken herausfordert, wie es in Sachen Träume & Illusionen um die eigenen Befindlichkeiten steht.
Wenn die Mädchen von ihrer Reise zurückkehren, haben sie einen bewussteren und vielleicht auch skeptischeren Blick auf ihr Leben gefunden. Und als Zuschauer freut man sich über einen temperamentvollen Film, der in jeder Situation ehrlich und authentisch wirkt. „Questi giorni“ ist der beste italienische Film des Festivals am Lido.   (bau)
Kinostart: Noch kein Termin
Kinochancen: Potenzieller Arthaus-Hit
Gesamteindruck: Fesselndes Road Movie, in dem kleine Ereignisse große Wirkung entfalten


„Jackie“: Natalie Portman als Jacqueline Kennedy

Jackie
Genre: Dokudrama
Regie:  Pablo Larrain  (Chile)
Star-Faktor: Hoch (Natalie Portman, Peter Sarsgard, Greta Gerwig, John Hurt)
Venedig-Premiere: im Wettbewerb um den Goldenen Löwen
Die Tragödie der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy 1963 in Dallas ist eine der am häufigsten erzählten Geschichten über die Ereignisse des 20. Jahrhunderts. „Jackie“ beleuchtet das Drama nun aus der weiblichen Perspektive. Denn „Jackie“ ist nicht, wie man aufgrund des Titels annehmen könnte, eine Biografie der schillernden First Lady und späteren Onassis-Gattin Jacqueline Kennedy.  Der sehr spröde gehaltene Film lenkt den Fokus auf die Stunden des Attentats und die Tage danach, in denen Lyndon B. Johnson als neuer US-Präsident vereidigt und John F. Kennedy begraben wurde.
Die Oscar-Preisträgerin Natalie Portman beeindruckt in der Titelrolle. Sie porträtiert Jacqueline Kennedy als macht- und statusbewusste Aristokratin, die ihre Emotionen fast immer hinter einer Maske verbirgt. Außer an dem einen Tag, an dem sie ihren Mann verliert. Da ist sie außer sich vor Entsetzen und Trauer.  Wenn sie sich weigert, ihre blutbefleckte Kleidung zu wechseln, bevor sie ins Weiße Haus in Washington zurückkehrt, ist das ein starkes Symbol.
Natalie Portman muss also über weite Strecken des Films eine schwer traumatisierte Frau spielen,  die sich nur langsam von ihrem Schock erholt. Das erlaubt es ihr nicht, viele Facetten zu zeigen. Doch das passt gut zu einem Film, der ebenfalls von eher starrer Struktur ist und dem Regisseur Pablo Lorrain durch den reichlichen Einsatz melodramatischer Klänge noch zusätzliche Dunkelheit verleiht.
„Jackie“ (Drehbuch: Noah Oppenheimer) hat den allseits bekannten Fakten um das Kennedy-Attentat weder politisch noch psychologisch etwas Neues hinzuzufügen – abgesehen vom weiblichen Blickwinkel der First Lady. Das reicht nicht für einen packenden Film. (bau)
Kinostart: Noch kein Termin
Kinochancen: Wohl eher bescheiden
Gesamteindruck: Gut gespieltes, aber unterkühltes und spartanisch inszeniertes Kammerspiel
 
   
„The Bad Batch“: Eine Blutoper der schrillen Art © Filmfest Venedig

The Bad Batch
Genre: Science Fiction / Horror
Regie: Ana Lily Aminpour  (USA)
Star-Faktor: Hoch (Jim Carrey, Keanu Reeves, Suki Waterhouse)
Venedig-Premiere: im Wettbewerb um den Goldenen Löwen
Die iranischstämmige US-Regisseurin Ana Lily Aminpur gilt als das nächste hoffnungsvolle Talent, seit sie 2014 mit ihrem Schwarz-Weiss-Vampir-Drama „A Girl Walks Home Alone At Night“ Kritiker und Publikum überraschte. Nun folgt der – wie man so häufig merkt, schwierige – zweite Film.
Aminpour nennt „The Bad Batch“ eine „post-apokalyptische kannibalistische Love Story“.  Einmal mehr interessiert sie sich für die Außenseiter, die Outlaws. Die findet sie dieses Mal in Texas.
Menschen, die sich nicht an Gesetz und Ordnung halten, bekommen in diesem Texas der Zukunft eine Tätowierung hinters Ohr. Dann werden sie in ein wüstenhaftes riesiges Areal hinter einem Stacheldrahtzaun verfrachtet. Hier endet die Zivilisation.
Hauptfigur Samantha (Suki Waterhouse mit einer sehr eindrucksvollen Performance) sucht dort nach einem Ort, der sich „The Comfort“ nennt. Es soll ein Platz sein, an dem man seinen Traum leben kann. Aber bevor sie bei dieser Hippie-Kommune ankommt, gerät sie an eine Gruppe von Kannibalen, die ihr zwecks Frischfleisch-Versorgung einen Arm und ein Bein absägen. An der Stelle verspricht der Film, sehr blutig und aggressiv zu werden.
Regisseurin Ana Lily Aminpour verliert allerdings kurz nach dem wilden und interessanten Beginn ihres Films komplett die Übersicht über Charaktere und Geschichte. Samantha kann sich befreien, wird vom mysteriösen Müllmann Peter (kaum zu erkennen: Jim Carrey) nach „The Comfort“ gebracht.
Dort begegnet sie Rockwell (Keanu Reeves mit der schrecklichsten 70er-Jahre-Fönwellen-Gedenkfrisur seit Jahren). Der hält sich als Guru der „Bad Batch“-Sekte eine Gruppe schöner und schwangerer Frauen; er trägt Weisheiten aus dem Poesie-Album vor. Und er ist wahrscheinlich der Grund, warum Samantha schleunigst von dort wegwill und dem Kannibalen Joe (Jason Monoa) mit Haut und Haaren verfällt (sorry, der Kalauer musste sein).
Nach sehr viel Langeweile, aber auch fein beobachteten Situationen, sitzen im Finale drei Menschen mitten in der Wüste und verspeisen ein Kaninchen. Was aus ihnen wird, ist dem Zuschauer bei diesem „Mad Max“ für Arme, dem immer mehr die Luft ausgeht,  herzlich egal. Prognose: Weder Horrorfans noch Arthaus-Kinogänger werden begeistert sein. (bed)
Kinostart: Noch kein Termin
Kinochancen: Gering, da der Film nach hoffnungsvollem Anfang komplett abstürzt
Gesamteindruck: Düsterer Blick in eine Zukunft voller Außenseiter und Kannibalen