Festival Cannes 2019

Goldene Palme geht nach Korea

25.05.2019
von  Gunther Baumann, Peter Beddies
Goldene Palme für Bong Joon-Ho: Der Regisseur triumphierte mit der Groteske „Parasite“ © Katharina Sartena
Preisverleihung in Cannes: Die Goldene Palme geht dieses Jahr an den koreanischen Regisseur Bong Joon-Ho, der mit der schwarzhumorigen und sehr unterhaltsamen Groteske „Parasite“ das Festival-Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss. Auch die anderen Entscheidungen der Jury um Regie-As Alejandro González Inárritu passen. Mit Antonio Banderas wurde ein Hollywood-Star zu Recht als bester Schauspieler im Wettbewerb ausgezeichnet (in „Dolor y Gloria“ von Pedro Almódovar). Über die Wahl der Britin Emily Beecham zur besten Darstellerin darf sich auch die Wiener Regisseurin Jessica Hausner freuen,  die den Film „Little Joe“ schrieb und inszenierte. Mit Mati Diop, Ladj Ly und Céline Sciamma trugen drei hochtalentierte Filmkünstlerinnen aus Frankreich ihre ersten Silbernen Palmen nach Hause. Cannes hatte das stärkste Wettbewerbsprogramm seit Jahren zusammengestellt. Darunter litten unter anderem die US-Regiestars  Jim Jarmusch, Terrence Malick und Quentin Tarantino, die mit ihren sehr starken neuen Filmen ohne frischen Palmenschmuck heimkehren müssen.
„Parasite“: Im Cannes-Gewinnerfilm geht's ganz schön zur Sache © Festival Cannes

Goldene Palme:
Bong Joon-Ho (Südkorea), „Parasite“
Der Regisseur Bong Joon-Ho sprang im Festival-Palais mit einem Jubelschrei auf die Bühne. Sehr ungewöhnlich für den introvertierten Koreaner, der die prallen Gefühle normalerweise seinen Figuren auf der Leinwand überlässt. In seinem neuen Film, der Sozial-Farce „Parasite“, berichtet er von einer bitterarmen Familie, die sich in das Leben einer reichen Familie hineintrickst. Zuerst mit Mitteln, die noch vertretbar erscheinen. Aber irgendwann wird es kriminell. Und die Geschichte gipfelt in einer der blutigsten Grillpartys aller Zeiten. Die Goldene Palme für Bong Joon-Ho und seine dunkelschwarze Komödie geht völlig in Ordnung, weil der Mann für frisches und aufregendes Kino steht. Nur eines wäre noch schöner gewesen: Wenn nach 1993 mal wieder eine Frau Gold in Cannes bekommen hätte.

„Atlantique“: Mame Bineta Sane spielt die Hauptfigur Ada © Festival Cannes

Großer Preis: Mati Diop (Frankreich), „Atlantique“
Mit dem ersten Langfilm gleich zum Großen Preis von Cannes: Der Pariser Schauspielerin und Regisseurin Mati Diop, 36, gelang ein prima Einstieg in die große Welt des Kinos. Ihr Film „Atlantique“ spielt in Senegals Hauptstadt Dakar und ist eine ungewöhnliche Mischung aus realistischem Sozialdrama, Liebestragödie und Voodoo-Mystery. Der Plot: Die bildschöne Ada (Mame Bineta Sane) liebt nicht den reichen jungen Mann, den sie heiraten soll, sondern einen Arbeiter  (Ibrahima Traore), der jedoch eines Nachts heimlich abhaut. Er will per Boot über den Atlantik nach Spanien flüchten. Und kommt dabei um. Doch Ada bekommt SMS-Botschaften von dem Toten, und auch sonst passiert ein mysteriöses Ereignis nach dem anderen. So wird aus der rauen Geschichte über ausgebeutete Arbeiter und eine unerfüllte Liebe schließlich ein düsteres Zaubermärchen voller innerer und äußerer Dämonen. Faszinierend.

„Les Misérables“: Regisseur Ladj Ly inmitten seiner jungen Darsteller © Katharina Sartena

Preis der Jury: Ladj Ly (Frankreich), „Les Misérables“
So wie Mati Diop schaffte auch der Pariser Regisseur Ladj Ly mit seinem ersten Film den Sprung in die Reihe der Cannes-Preisträger. „Les Misérables“ ist ein knochenhartes Drama aus den Pariser Problembezirken, den Banlieues, wo die Menschen in Armut leben und wo dauernd ethnische und religiöse Konflikte aufkochen. Erzählt wird aus dem Blickwinkel von drei Polizisten, die für Ruhe und Ordnung sorgen sollen. Schwer zu machen, wenn die Situation – meisterhaft eingefangen von Ladj Ly – immerzu und ständig dabei ist, zu eskalieren und ins Gewalttätige zu kippen. Der Film erzeugt einen unglaublichen Sog und eine sehr tiefe Spannung. Aber er macht wenig Hoffnung: Im Mittelpunkt stehen Kinder und Jugendliche, die mangels Job und mangels Ausbildung keine Lebensperspektive sehen. Deshalb lassen sie sich auch von Autoritäten nichts mehr sagen. Sie suchen die direkte Auseinandersetzung mit der Obrigkeit, auch wenn das Kampf und Zerstörung   bedeutet.

„Bacurau“: Der Eindruck täuscht - in diesem Film geht es nicht friedlich zu © Festival Cannes

Preis der Jury: Kleber Mendonca Filho & Juliano Dornelles (Brasilien), „Bacurau“
Das Drama „Bacurau“ gehört zu jenen Filmen im diesjährigen Cannes-Programm, die man gern sah – ohne sie auf dem Zettel für eine der großen Auszeichnungen zu haben. Der Film von Kleber Mendonca Filho und Juliano Dornelles erzählt von einem Dorf in Brasilien, das von einem Tag auf den anderen von den Landkarten verschwunden zu sein scheint. Außerdem stapft eine Gruppe von schießwütigen US-Touristen durch die Landschaft, die es anscheinend auf die Bewohner des Dorfes abgesehen haben. „Bacurau“ ist lupenreines Genre-Kino. Es gibt mit der Leinwand-Legende Udo Kier einen Oberschurken der Extraklasse, der jenseits von Gut und Böse agiert. Und hinter der ganzen Geschichte – das wird sich wohl auch die Jury gedacht haben – steckt eine unheilvolle Entwicklung in Brasilien. Nämlich eine Regierung, die für neue Gesetze über Leichen geht. 

„Young Ahmed“: Der Teenager Ahmed wird islamistisch indoktriniert © Festival Cannes

Beste Regie: Jean-Pierre & Luc Dardenne (Belgien), „Young Ahmed“.
Die Auszeichnung der Dardenne-Brüder, die mit ihren humanistischen und kunstvollen Sozialdramen schon zwei Mal die Goldene Palme gewonnen haben, ist die einzige Entscheidung der Jury, die viele Fragen offen lässt. Der neue Dardenne-Film „Young Ahmed“ handelt von einem muslimischen Teenager aus Brüssel, der von einem radikalen Imam zum Islamismus indoktriniert wird und fortan von der Idee besessen ist, eine seiner Lehrerinnen umzubringen. In seiner Unerbittlichkeit und seiner Unerreichbarkeit (für Argumente und Therapeuten) bekommt der junge Ahmed geradezu monströs beängstigende Züge, ist jedoch zugleich eine sehr eindimensionale Figur. Und die Dardennes tun nichts dazu, diese düstere kleine Geschichte mit Regie-Raffinesse größer zu machen. „Young Ahmed“ wirkt wie eine Etüde, aber keinesfalls wie der am besten inszenierte Film des Wettbewerbs.   

„Little Joe“: Emily Beecham in der Hauptrolle von Jessica Hausners Film © Festival Cannes

Beste Darstellerin: Emily Beecham (Großbritannien), „Little Joe“. Als Emily Beecham die Bühne im Festival-Palais betrat und sich dort freudestrahlend ihren Preis abholte, musste man sofort an ihr Spiel in „Little Joe“ denken. Denn hier wie da wirkt die Britin mit den feuerroten Haaren wie der wichtigste Bestandteil eines Bildes. Oder eben eines Filmes. In „Little Joe“, der Wettbewerbs-Premiere der Wienerin Jessica Hausner, durchlebt sie alle vorstellbaren Gefühle. Die Gen-Wissenschaftlerin Alice ist kurz davor, den Durchbruch zu schaffen. Eine von ihr gezüchtete Pflanze soll Glück verschaffen. Sie ist eben das - überglücklich. Dann stellt sich heraus, dass die Pflanze vielleicht Horror verbreiten könnte, vielleicht ihren Sohn Joe schon infiziert hat. Angst breitet sich aus auf dem zarten Gesicht der Schausielerin. Und wenn am Ende gekämpft werden muss, macht Emily Beecham auch das grandios. Gute Entscheidung der Jury und auch ein toller Erfolg für ihre Regisseurin Jessica Hausner.

„Dolor y Gloria“: Antonio Banderas als Regisseur, der Pedro Almódovar nachempfunden ist © Festival Cannes

Bester Darsteller: Antonio Banderas (Spanien), „Dolor y Gloria“.
Der Darsteller-Preis für den spanischen Hollywood-Star Antonio Banderas ist im Grunde auch eine Auszeichnung für seinen Regisseur Pedro Almódovar. Denn die Figur des allmählich alternden Regisseurs Salvador, die Banderas spielt, ist zu weiten Teilen ident mit Almódovar. Der Filmemacher gewährt in seinem neuen Werk tiefe Einblicke in sein eigenes Leben. Antonio Banderas ist ein Ereignis als vom Leben ramponierter Großkünstler, der gerade ein wenig ziellos durch die Tage marschiert. Mal sieht man ihn überglücklich (wenn er einen Ex-Geliebten nach Jahrzehnten wiedertrifft), mal erleichtert (wenn sich eine befürchtete Krebs-Diagnose als harmlos herausstellt) und mal streitbar (wenn er mit sich einem Schauspieler, den er lange verachtete, erneut in die Haare gerät). Stets wirkt der Film zutiefst menschlich, ohne jemals zu kitschig zu menscheln.

„Portrait Of A Lady On Fire“: Drehbuchpreis für lesbische Romanze © Festival Cannes

Bestes Drehbuch: Céline Sciamma (Frankreich), „Portrait Of A Lady On Fire“.
Es wären viele Cannes-Beobachter sehr zufrieden gewesen, hätte die Autorin/Regisseurin Céline Sciamma die Goldene Palme bekommen. Als erst zweite Frau in der Geschichte des Festivals (nach Jane Campion mit „Das Piano“ 1993). Aber vielleicht muss da noch ein bisschen Zeit vergehen. Auf jeden Fall liegt die Jury mit ihrer Entscheidung goldrichtig, Céline Sciamma für das beste Drehbuch auszuzeichnen. Denn die Romanze, die im Jahr 1770 spielt, ist ausgezeichnet aufgebaut. Eine Porträtmalerin soll das Bild einer jungen Dame malen, die kruz vor der Hochzeit steht. Bei der Arbeit verlieben sich die beiden Frauen ineinander. Aber das geschieht nie plump, sondern wie mit einem sehr dünnen Pinsel exakt gemalt. Es reichen manchmal einige Blicke, nur wenige Dialoge. Hier wird ein enorm wichtiges Thema nicht zugeklatscht, sondern ganz wunderbar auserzählt und bebildert.

Die Preisträger von Cannes
Goldene Palme: Bong Joon-Ho (Südkorea), „Parasite“
Großer Preis: Mati Diop (Frankreich), „Atlantique“
Preis der Jury: Ladj Ly (Frankreich), „Les Misérables“ sowie Kleber Mendonca Filho & Juliano Dornelles (Brasilien), „Bacurau“
Beste Regie: Jean-Pierre & Luc Dardenne (Belgien), „Young Ahmed“
Beste Darstellerin: Emily Beecham (Großbritannien), „Little Joe“
Bester Darsteller: Antonio Banderas (Spanien), „Dolor y Gloria“
Bestes Drehbuch: Céline Sciamma (Frankreich), „Portrait Of A Lady On Fire“
Spezielle Erwähnung: Elia Suleiman (Israel), „It Must Be Heaven“
Goldene Palme für das Lebenswerk: Alain Delon (Frankreich)
Goldene Palme für den besten Kurzfilm: Vasilis Kekatos (Griechenland), „The Distance Between Us And The Sky“
Preis der Reihe Un Certain Regard:  Karim Aynouz (Brasilien), „The Invisible Life Of Euridice Gusmao“
Goldene Kamera für den besten Erstlingsfilm: César Diaz (Guatemala), „Nuestras Madres“


FilmClicks-Fotos: Ein Dankeschön an Katharina Sartena
FilmClicks-Fotografin Katharina Sartena auf dem roten Teppich in Cannes

Ganz egal, ob Quentin Tarantino und Brad Pitt über den roten Teppich schreiten oder ob der frisch gebackene Goldene-Palme-Gewinner  Bong Joon-Ho zum Photocall bittet: FilmClicks-Fotografin Katharina Sartena ist immer live dabei. Die Wienerin gehört zur kleinen Gruppe von Fotografen aus aller Welt, die direkten Zugang zum roten Teppich haben – nicht nur in Cannes, sondern auch bei den großen Festivals in Venedig und Berlin.
Kathi wird von Vielen darum beneidet, dass sie die großen Filmstars aus nächster Nähe erleben und ablichten kann. Das können wir gut verstehen – doch wir wollen dezent darauf hinweisen, dass ihre Art des Fotojournalismus ein verdammt schwerer Beruf ist. Aus zwei Gründen. Erstens lasten kiloschwere Gewichte auf ihren Schultern, wenn sie mit mindestens zwei Kameras und voluminösen Objektiven im Einsatz ist. Und zweitens kommt es bei den Fototerminen ja nicht nur darauf an, dabei zu sein. Genauso wichtig ist die Kunst, im genau richtigen Moment abzudrücken - in einem Ambiente, das vor Hektik und Aufregung nur so vibriert.
Katharina Sartena beherrscht diese Kunst wie nur wenige andere Fotografen im Festival-Circuit. Ihre wunderbaren Fotos sind eine ganz wesentliche Bereicherung der FilmClicks-Festival-Berichterstattung. Dafür wollen wir uns an dieser Stelle einmal herzlich bedanken. Und wir freuen uns, jetzt, wo Cannes vorbei ist, schon auf ihre nächsten Bilder vom Festival am Lido in Venedig.