Festival Cannes 2017

Ein stotternder Start

18.05.2017
von  Gunther Baumann, Peter Beddies
Festival Cannes 2017: Das Team des Eröffnungsfilms „Ismael’s Ghosts“ auf dem roten Teppich © Katharina Sartena
Eine schwache Eröffnung, gefolgt von einem starken Einstieg in den Wettbewerb um die Goldene Palme: Das 70. Filmfest Cannes, das am 17. Mai begann,  hatte einen  stotternden Start. Das passt vielleicht ganz gut zum aktuellen Status des Festivals, das in jeder Hinsicht eine neue Position sucht. Draußen vor dem Eingang gibt’s mehr Absperrungen und Security denn je zuvor. Drinnen im Palais ziehen Medienhäuser wie Netflix oder Amazon als Filmproduzenten ein, deren erstes Interesse nicht der Kinoleinwand, sondern dem TV-Gerät gilt. Auch zwei Fernsehserien – neue Folgen von David Lynchs „Twin Peaks“ und Jane Campions „Top Of The Lake“ finden im Cannes-Programm Platz. Für Aufregung und heiße Debatten in den kommenden Tagen ist also gesorgt. FilmClicks präsentiert die zwei Filme, mit denen Cannes 2017 begann: Den mäßig fesselnden Eröffnungsfilm „Ismael’s Ghosts“ aus Frankreich sowie das wuchtige russische Familiendrama „Loveless“.
Starbesetzung: Marion Cotillard und Mathiau Amalric in „Ismael’s Ghosts“ © Festival Cannes

Ismael’s Ghosts

Genre : Künstler- und Beziehungs-Drama
Regie: Arnaud Desplechin (Frankreich)
Star-Faktor: hoch (Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard, Charlotte Gainsbourg, Mathieu Amalric)
Cannes-Premiere: Eröffnungsfilm der 70. Filmfestspiele
Die Auftakt-Gala eines großen Filmfestivals ist stets einem besonders eindrucksvollen Film gewidmet. Das trifft auch auf Cannes 2017 zu – nur könnte man ironisch feststellen, dass die Angelegenheit diesmal besonders eindrucksvoll danebenging.
Der französische Filmemacher Arnaud Desplechin erzählt in „Ismael’s Ghosts“ eine Geschichte über den französischen Filmemacher Ismael (Mathieu Amalric), der während des Drehs zu einem Spionage-Thriller von Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird.
Konkret geht es um einen weiblichen Geist namens Carlotta (Marion Cotillard); Ismael Ex-Ehefrau. Die verschwand vor 20 Jahren so plötzlich und spurlos von der Bildfläche, dass sie längst amtlich für tot erklärt wurde.
Jetzt ist sie genauso plötzlich wieder da, begründet ihren seinerzeitigen Abgang lapidar mit dem Satz „ich konnte nicht mehr atmen“ und will ihr altes Leben zurück. Also jenes mit Ismael. Der ist aber längst mit einer neuen Frau liiert, der Astrophysikerin Sylvia (Charlotte Gainsbourg), Und die findet Carlottas Begehren überhaupt nicht lustig; genauso wenig wie Ismael selbst. Ein großer Konflikt bricht aus.
„Ismael’s Ghosts“ ist ein Arthaus-Film aus dem Genre des knochentrockenen Kopfkinos. Es wird viel geredet und viel aus anderen Produktionen zitiert (von Hitchcocks „Vertigo“ bis hin zu Desplechins eigenen Filmen), doch die Story findet keinen zentralen Punkt, an dem sich das Interesse des Publikums entzünden könnte.
Ganz im Gegenteil: Desplechin vermischt munter Szenen aus dem Spionagethriller, den sein Protagonist gerade dreht, mit Sequenzen aus Ismaels privater Geschichte. Diese Erzählweise schlägt tiefe Kerben in den Spannungsbogen. Der Spionage-Story fehlt es an Spannung, während das Drama um Ismael und seine zwei Frauen so vorgetragen wird, wie es der berühmte Regisseur Jean-Pierre Jeunet einmal definierte: „Französisches Kino? Depressive Dialoge in der Küche!“
Gut, die Küche steht hier nicht im Mittelpunkt, und außer endlosem Gedanken-Ping-Pong gibt es auch sinnliche Momente und solche voller Gewalt. Für erstere ist vor allem Charlotte Gainsbourg zuständig, für zweitere Mathieu Amalric.
„Ismael’s Ghosts“ ist ein visuell  prächtiger Film, der von seinen hochklassigen Darstellern auch ansehnlich gespielt wird. Warum man dieser zähen Mischung aus Künstler-Grübelei und Beziehungs-Drama allerdings einen Kino-Abend schenken sollte, bleibt offen. Es wird schwer sein, für den Film außerhalb des Festival-Betriebs ein Publikum zu finden. (bau)
Kino-Chancen: Sehr gering
Gesamteindruck:  Intellektuelle Kino-Etüde ohne packendes Thema

„Loveless“: Ein Junge ist verschwunden - wurde er entführt? © Festival Cannes

Loveless
Genre: Scheidungsdrama / Entführungsthriller
Regie: Andrey Zvyagintsev
Starfaktor: gering
Cannes-Premiere: im Wettbewerb um die Goldene Palme
Der für seine Filme vielfach preisgekrönte Andrey Zvyagintsev seziert messerscharf wie derzeit kein zweiter russischer Regisseur die gesellschaftlichen Zustände in seiner Heimat. In seinem Vorgängerfilm “Leviathan” hatte er sich der Korruption in verschiedenen Gesellschaftsschichten und der Kirche angenommen. Dieses Mal wird er, ohne das politische Umfeld aus dem Auge zu verlieren, privater.
Die Ehe von Boris (Alexei Rozin) und Zhenya (Maryana Spivak) ist am Ende. Beide wollen sich scheiden lassen. Neue Partner sind schon längst ausgewählt. Die gemeinsame Wohnung wird verkauft. Was aber soll mit dem zwölfjährigen Sohn geschehen? Keiner der Beiden möchte ihn haben. Allabendlich brüllt man sich in der Wohnung an, während der Junge (eine ganz starke Szene) im Zimmer nebenan alles mit anhört und versucht, seine Trauer in einen stummen Schrei zu pressen.
Boris und Zhenya sind derart mit sich und dem Aufbau des neuen Lebens beschäftigt, dass sie nicht mitkriegen, wie ihr Kind aus ihrem Leben verschwindet. Ist er weggelaufen oder versteckt er sich? Wurde ihm Gewalt angetan?
Für eine kurze – und im Film unglaublich spannend inszenierte – Zeit ziehen die Eltern noch einmal an einem Strang. Zhenya starrt mal nicht ständig auf ihr Smartphone. Boris lebt mal wieder für seine Familie und nicht für die Arbeit. „Loveless“ ist ein kalter, ein winterlicher Film. Jede Szene sitzt passgenau. Ein schnörkelloser Film über das Scheitern von zwei unfassbar egoistischen Menschen. Wem sie mit ihrem Handeln am meisten wehtun, erkennen sie erst, als es zu spät ist.   (bed)
Kinochancen: in Arthäusern bei richtigem Marketing sehr gut
Gesamteindruck: beinhartes Scheidungsdrama, das kompromisslos auf dem Rücken eines Kindes ausgetragen wird.




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