Berlinale 2017

Kostümkino & Künstlerkomödie

13.02.2017
von  Peter Beddies, Gunther Baumann
Hollywood-Star Stanley Tucci kam als Regisseur mit der Künstlerkomödie „Final Portrait“ nach Berlin © Katharina Sartena
Ein Historiendrama mit den TV-Stars Gillian Anderson („Akte X“) und Hugh Bonneville („Downton Abbey“). Eine Künstlerkomödie von Stanley Tucci mit Oscar-Preisträger Geoffrey Rush, der einen weltberühmten Schweizer aus Paris spielt. Ein wildes Anarcho-Spektakel aus Deutschland, in dem zwei junge Frauen auf einen schrillen Trip gehen: Die Berlinale bietet, wie sich das für ein großes Festival gehört,  an- und aufregende Appetithappen als allen Genres. FilmClicks berichtet über „Viceroy’s House“, „Final Portrait“ und „Tiger Girl“: Drei Filme, die uns im Festivalbetrieb besonders auffielen.
Hugh Bonneville und Gillian Anderson in „Viceroy’s House“ © Berlinale

„Viceroy’s House“

Genre: Kostümdrama
Regie: Gurinder Chadha (Großbritannien)
Starfaktor: Hoch (Hugh Bonneville, Gillian Anderson)
Berlinale-Premiere: Wettbewerb (außer Konkurrenz)
Die Filmemacherin Gurinder Chandha kann extrem gut unterhalten. Das weiß man spätestens seit „Kick It Like Beckham”. Dieses Talent kommt ihr jetzt bei „Viceroy’s House“ – übersetzt: Das Haus des Vizekönigs - sehr zugute.
Im Grunde genommen geht es in diesem Kostümfilm um einen reinen Verwaltungsakt. Aber um was für einen! Der neu eingesetzte Vizekönig von Indien, Lord „Dickie“ Mountbatten (Hugh Bonneville aus „Downton Abbey“), soll 1947 den Abzug der Engländer aus dem indischen Subkontinent überwachen. Dazu ist er mit seiner Gattin Edwina (Gillian Anderson aus „Akte X“) in einen prächtigen Palast in Delhi eingezogen.
Die Aufgabe, die Übergabe an die Einheimischen zu organisieren, wird schnell zur absoluten Katastrophe. Denn die verschiedenen Volksgruppen im riesigen Land wurden während der drei Jahrhunderte der britischen Besatzung immer mehr gegeneinander aufgehetzt. Das rächt sich nun, indem es zahllose Ausschreitungen gibt. Und die einzige Lösung für Frieden scheint zu sein, dass das Land aufgeteilt wird in Indien und Pakistan.
Regisseurin Gurinder Chadha versteht es glänzend, die Verhandlungen (bei denen klassischer Verrat noch eine große Rolle spielen soll) spannend zu inszenieren. Zusätzlich erzählt sie eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die einfach direkt ins Herz geht. Zwei junge Menschen aus verschiedenen Religionsgruppen versuchen, die unmögliche Liebe zu leben. Und als würde all das – natürlich prächtig bebildert – nicht schon genügen, gibt es auch noch einen Hauch von „Downton Abbey“, in dem ausführlich das Leben von Herrschaften und Bediensteten am Sitz des Vizekönigs gezeigt wird. (bed)
Kinostart: 8. Juni
Kinochancen: Gut, da spannend erzählte Kostümfilme nie aus der Mode geraten.
Gesamteindruck: Glänzend erzählte Geschichtsstunde über die Aufspaltung des indischen Subkontinents zwischen Indien und Pakistan.
 
Geoffrey Rush und Armie Hammer in der Künstlerkomödie „Final Portrait“ © Berlinale

„Final Portrait“

Genre: Künstler-Komödie
Regie: Stanley Tucci (USA)
Star-Faktor: Hoch (Geoffrey Rush, Armie Hammer, Tony Shalhoub, Sylivie Testud, Clémence Poésy)
Von Helmut Dietl, dem begnadeten „Monaco Franze“-Regisseur, ist der Spruch überliefert, dass die Künstler sich anstrengen sollten, nicht gar so unausstehlich zu sein. „Aber es nutzt ja nix“, sagte er damals im Interview – „die meisten sind’s einfach!“
Der große Bildhauer und Maler Alberto Giacometti (1901 – 1966), dem wir in der Komödie „Last Portrait“ begegnen, könnte einer der Künstler sein, die Dietl gemeint hat. In seinen späten Jahren ist der Schweizer aus Paris, gespielt von Geoffrey Rush, längst ein steinreicher Mann, dem die ganze Kunstwelt zu Füßen liegt.
Unausstehlich (zugleich aber auch charismatisch und charmant) ist dieser Giacometti in dem Sinn, dass er alles und jeden in seiner Umwelt nur an den eigenen  Bedürfnissen misst. Seine Frau (Sylvie Testud) und seinen Bruder (Tony Shalhoub) behandelt er eher als Lakaien denn als Lebenmenschen. Obendrein kränkt er seine Gemahlin, weil er ein Dauerverhältnis mit einer süßen Prostituierten (Clémence Poésy) hat.
Sein Reichtum bedeutet dem Mann längst nichts mehr. Wenn als Honorar für seine Kunst ein Sack voll Bargeld abgeliefert wird, schiebt er die Kohle achtlos unter einen Schrank. Und er drückt bald darauf zwei dicke Geldbündel den Zuhältern seiner Mätresse in die Hand, damit sie  Schutz vor ihren Beschützern habe.
Den Eigensinn des alternden Künstlers bekommt auch Giacomettis junger Biograf James Lord (Armie Hammer) zu spüren, der nur zu gern einwilligt, dem Meister für ein Portrait Modell zu sitzen.
Allerdings wird ihm bald klar, auf was er sich da eingelassen hat. Denn die Sitzung, für ein paar Stunden angesetzt, wird zum wochenlangen Marathon. Weil Giacometti nie zufrieden ist. Wenn er sich mit einem vernehmlichen „Fuck“ bemerkbar macht, dann weiß Lord, dass der Künstler bald fast alles übermalen wird, was zuvor entstand.
In diesen Sequenzen verschiebt Regisseur Stanley Tucci, der ja als Schauspieler selbst ein Star ist, den Film von der leicht verschrobenen Anekdotensammlung zum wahren Künstlerdrama. Denn auf einmal wird deutlich, dass Kreativität und Krise bei vielen Künstlern Zwillinge sind. Selbst ein weltberühmter Mann wie Giacometti schöpft seine Malerei und seine Skulpturen nicht aus dem Wissen um seine souveränen Fähigkeiten. Stets ist er nur zu gern bereit, die eigenen Leistungen schlechtzureden.
So bekommt dieser feinsinnige Einblick in die Welt der Kunst eine allgemeingültige Botschaft: Denn geht’s nicht den meisten von uns so, dass wir immer wieder mal dazu neigen, unsere kreativen Hervorbringungen abzuwerten?   (bau)
Kinostart: Noch kein Termin
Kinochancen: Potenzieller Arthaus-Hit
Gesamteindruck: Ein unterhaltsames und zugleich lehrreiches Künstler-Porträt; famos gespielt
   
„Tiger Girl“: Wildes deutsches Kino mit Maria Dragus und Ella Rumpf © Constantin

Tiger Girl

Genre: Anarcho-Tragikomödie
Regie: Jakob Lass (Deutschland)
Star-Faktor: aufregend hoch, weil hier mit Maria Dragus und Ella Rumpf zwei kommende Stars des europäischen Kinos zu sehen sind.
Berlinale-Premiere: Sektion Panorama
Auf den Schultern des jungen Regisseurs Jakob Lass lastet - ohne dass er das wohl selbst so wahrgenommen hat – ein ordentliches Gewicht. Ein fulminantes Debüt, wie es ihm mit „Love Steaks“ gelang, legt man nicht eben mal so hin. Darin war ein großes Versprechen verborgen. Das Versprechen, Teil der kommenden deutschsprachigen Filmindustrie zu sein, die uns unterhält. Die uns wachrüttelt, ein wenig provoziert und mit Fragen zurücklässt.
Mit seinem zweiten Film “Tiger Girl”, dem wahrscheinlich wildesten Film der Berlinale 2017, löst Jakob Lass das Versprechen nun sehr souverän ein. Dieses Mal geht es um eine jungen Frau namens Margarethe (Maria Dragus in unfassbar guter Spiellaune), die den direkten Weg nehmen möchte. Sie will Polizistin werden. Aber bei der sportlichen Prüfung stürzt sie und wird aussortiert. Also wählt sie einen Umweg und will sich als Security-Fachkraft ausbilden lassen.
Soweit so gut und normal und typisch deutsch (vielleicht auch österreichisch). Aber dann tritt eine wilde junge Frau, das Tiger Girl (Ella Rumpf mit einer Mörder-Performance), in ihr Leben. Als sich Margarethe bei der Parkplatzsuche mal wieder nicht durchsetzen kann, kommt Tiger Girl daher und tritt von einem Auto einen Seitenspiegel ab, damit mehr Platz ist.
Die beiden jungen Damen finden zueinander (mehr als einmal muss man beim Zuschauen an den legendären „Fight Club“ denken) und ziehen prügelnd durch die Gegend. Diese Anarcho-Combo räumt alles aus dem Weg, was sie stört. Bis eine der beiden den gesunden Menschenverstand einschaltet.
„Tiger Girl“ mag Schwächen haben. Sicher ist nicht jede Handlung der Hauptfiguren zu 100 Prozent zu erklären. Aber der Film hat eine unglaubliche Energie und Wucht (was sich bestimmt auch damit erklärt, dass es kein Drehbuch gab und Jakob Lass die Improvisation seiner Schauspielerinnen liebt). Die Musik drückt permanent und fesselt den Zuschauer bis zum Schluss. Schade, dass die Berlinale-Auswahlkommission zu mutlos war, den Film in den Wettbewerb umden Goldenen Bären zu geben. (bed)
 
Kinostart: 6. April
Kinochancen: Potenzieller Arthaus-Hit, weil sich Regisseur Jakob Lass traut, eine eigene Vision über den Gedanken zu stellen, allen gefallen zu wollen
Gesamteindruck: Aufregendes junges deutsches Kino.




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