Berlinale 2017

Kleinkriminelle und Großbürger

11.02.2017
von  Gunther Baumann, Peter Beddies
„The Dinner“: Richard Gere, Laura Linney und Steve Coogan bei der Berlinale © Katharina Sartena
Eine Glanzrolle für Richard Gere und die Fortsetzung eines Kultfilms der Neunziger Jahre: Die Berlinale 2017 hält nach dem gelungenen Start mit der Jazz-Biografie „Django“ ihr hohes Niveau. Danny Boyle erzählt in „T2 – Trainspotting“, wie es den schottischen Kleinkriminellen und Drogenvernichtern aus dem ersten Film heute ergeht. Und Richard Gere brilliert im dunklen Familiendrama „The Dinner“, in dem die Fassaden großbürgerlicher Anständigkeit polternd zusammenstürzen.
„T2 Trainspotting“: Die Fortsetzung des Kultfilms weckt Begeisterung © Sony

„T2: Trainspotting“

Genre: Drama
Regie: Danny Boyle (Großbritannien)
Star-Faktor: Hoch (Ewan McGregor, Robert Carlyle, Kelly MacDonald)
Berlinale-Premiere: Wettbewerb (außer Konkurrenz)
1996 machte Regisseur Danny Boyle mit „Trainspotting“ Furore. Das wilde Drogen-Drama entwickelte sich zum Kultfilm. Jetzt hatte bei der Berlinale die Fortsetzung Premiere. Das lange Warten hat sich gelohnt.
„T2: Trainspotting“ setzt 20 Jahre nach den Ereignissen des Originals ein. Mark Renton  (Ewan McGregor) hatte damals seine besten Freunde beklaut und sich mit 12.000 Pfund Drogengeld nach Amsterdam abgesetzt. Mittlerweile hat die Zeit Spuren bei ihm hinterlassen. Nach einem Herzinfarkt überdenkt Renton alias „Big Fish“ sein Leben und fliegt zurück in die schottische Heimat. Die alte Mannschaft findet er noch dort, wo sie immer war. Aber nicht alle sind froh, ihn wieder zu sehen. Zum Teil schlägt ihm offener Hass entgegen.
Eine stringente Handlung braucht dieser neue, etwas ruhigere Leinwand-Trip noch weniger als der erste Teil. Hier geht’s nur um zwei Gedanken: Wo sind all die Jahre hin und welches Schwein hat uns die Jugend geklaut? Es wird – ohne geschwätzig zu sein – viel reflektiert. Ewan McGregor darf seinen berühmten „Choose Life“-Dialog aus dem ersten Teil – an unsere iPhone-Zeit angepasst – wiederholen. Ständig überlegen die Männer, was man denn ändern könnte am Leben. Dass sie nichts ändern werden, weiß man sofort.
„T2 - Trainspotting“ ist sehr elegant geworden, mit hervorragender Kamera-Arbeit. Regisseur Danny Boyle spielt noch immer sehr gern mit den Bildern und friert sie in entscheidenden Situationen ein. Was den Film obendrein extrem unterhaltsam macht, ist der Einsatz der Musik, mit vielen alten Nummern aus dem ersten Teil. Die werden aber nicht plump wiederholt. Mal hört man ein Remix, mal nur ein paar Takte.
In einer der besten Szenen des Films versucht Ewan McGregor, die Hymne „Lust for Life“ als Platte abzuspielen. Aber schon nach einer Sekunde reißt er die Nadel wieder hoch. Die Vergangenheit, will uns der Film damit sagen,  ist ein fieses gefräßiges Tier. Aber ohne sie geht es nun mal auch nicht. (bed)
Kinostart: 10. März 2017
Kinochancen: Hoch
Gesamteindruck: Ein Muss für die Fans des „Trainspotting“-Originals – und für alle, die ultracoole Filme lieben


„The Dinner“: Steve Coogan und Laura Linney als Ehepaar © Tobis

„The Dinner“
Genre: Familiendrama
Regie: Oren Moverman (USA)
Star-Faktor: Sehr hoch (Richard Gere, Rebecca Hall, Steve Coogan, Laura Linney, Chloe Sevigny)
Berlinale-Premiere: Wettbewerb um den Goldenen Bären
Richard Gere hat sich in den vergangenen Jahren rar auf der Leinwand gemacht. Wie massiv er fehlt, wird an seinem neuen Film „The Dinner“ deutlich. Der ewige „Pretty Woman“-Star, kaum glaubliche 67 Jahre alt, schaut nach wie vor blendend aus. Und er spielt mit einer Souveränität, die jeder Regisseur von seinen Stars nur erträumen kann: Voller Eleganz, Kraft, Ruhe und mit einer sympathischen Aura, die ihm viele Herzen zufliegen lässt.
Letzteres verblüfft allerdings in dem messerscharfen Familiendrama „The Dinner“. Denn ein Sympathieträger ist Gere in diesem Film nur auf den ersten Blick. Hinter seiner charmanten Fassade verbirgt sich ein eiskalt kalkulierender Politiker, der auf dem Sprung ist, vom US-Kongress-Abgeordneten zum Gouverneur seines Bundesstaats aufzusteigen.
Als Mandatar Stan Lohman bittet Gere zum titelgebenden „The Dinner“ in einen überdrehten Gourmet-Tempel der sündteuren Art. Mit am Tisch sitzen noch seine junge Gemahlin Katelyn  (Rebecca Hall), Typus Trophy Wife, sowie sein mental irrlichternder Bruder Paul (Steve Coogan) mit Gattin Claire (Laura Linney). 
Der Film beginnt unterhaltsam mit bissigen Sprüchen und satirischen Pointen über die Fünf-Sterne-Gastronomie. Doch der Small Talk endet rasch. Die Lohman-Familien stehen vor einem Problem, das ihre Existenz auf den Kopf stellt.
Beide Lohman-Brüder sind Väter von Teenager-Söhnen, und die Jungs haben gemeinsam ein schreckliches Verbrechen begangen: Sie haben eine obdachlose Frau erst attackiert und dann in Brand gesteckt. Die Frau ist tot.
Die Tat der Teenager – in den USA nennt man ihr Leiden „Affluenza“, quasi Wohlstandsverwahrlosung – wurde noch nicht aufgedeckt. Die Ermittler wissen nicht, wer den Mord begangen hat. Für die Eltern erhebt sich die Frage, ob sie ihre Söhne zur Polizei bringen sollen oder ob sie versuchen, die Verantwortung zu vertuschen.
Es geht also um Moral und Macht, um Schuld und Elternliebe. Das Drama (es basiert auf dem Roman „Angerichtet“ des Niederländers Herman Koch) entwickelt die archaische Wucht einer griechischen Tragödie.
In einer Auseinandersetzung, die keinen positiven Ausgang parat hält, schlagen die Vier einander ihre Argumente um die Ohren. Und bei einem der Beteiligten keimt sogar die abseitige Idee auf, den Fall mittels eines Faustschlags zu lösen.
Fazit: Regisseur Oren Moverman, der zuletzt mit „Love & Mercy“ das famose Biopic über den Beach-Boys-Star Brian Wilson drehte, hat mit „The Dinner“ ein Psychodrama realisiert, das eine Familie am Rande des Nervenzusammenbruchs porträtiert. Trotz einiger allzu geschwätziger Passagen bleibt man bei der brillant gespielten Auseinandersetzung bis zum Finale fasziniert bei der Sache. (bau)               
Kinostart: 19. Oktober 2017
Kinochancen: Potenzieller Arthaus-Hit
Gesamteindruck: Ein familiäres Seelen-Massaker, das keine Gewinner kennt. 




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