Diane Kruger über ihre Rolle im Terror-Drama „Aus dem Nichts“


„Dieser Film hätte mich fast umgebracht“

24.11.2017
Interview:  Peter Beddies

Diane Kruger in Cannes: Für „Aus dem Nichts“ zur besten Darstellerin gewählt © Katharina Sartena

„Troya“, „Das Vermächtnis der Tempelritter“ oder „Inglourious Basterds“: Das sind einige der Filme, mit denen Diane Heidkrüger alias Diane Kruger zum Hollywood-Star wurde. Auch in Frankreich zählt die sprachgewandte Norddeutsche aus Algermissen, Niedersachsen, zu den gefragtesten Darstellerinnen. Doch erst jetzt, mit 41 Jahren, bringt sie ihren ersten Film ins Kino, den sie auf Deutsch gedreht hat. Diane Kruger spielt die Hauptrolle in Fatih Akins brisantem Terror-Drama „Aus dem Nichts“. Im FilmClicks-Interview spricht die polyglotte Künstlerin über die Sprache, über Fatih Akin und über die emotionalen Anforderungen, die das harte Thema von „Aus dem Nichts“ an sie stellte: „Ich war abgemagert, hatte das Gefühl, um zehn Jahre gealtert zu sein“.


FilmClicks: Frau Kruger, Sie spielen in „Aus dem Nichts“ eine Frau, die Mann und Kind durch einen Terroranschlag verliert. In Cannes wurden Sie mit der Silbernen Palme als beste Schauspielerin ausgezeichnet. War das auch ein bisschen der Lohn dafür, dass Sie sich beim Dreh ordentlich geschunden haben?
Diane Kruger: Na ja, ich sag`s mal so: Der Film hätte mich fast umgebracht.
 
Starke Worte!
Aber so habe ich mich gefühlt. Die Trauer meiner Filmfigur Katja über den Verlust ihrer Familie ging mir so nahe, dass ich mitgelitten habe. Ich war abgemagert, hatte das Gefühl, um zehn Jahre gealtert zu sein. Noch acht Wochen nach dem Ende der Dreharbeiten hatte ich ein totales Taubheitsgefühl. Ich konnte auch nicht arbeiten.
 
Sind Ihnen da Projekte durch die Lappen gegangen?
Ja, ich hätte einen amerikanischen Film mit einem namhaften Regisseur drehen können. Aber es ging einfach nicht. Auch der Zuschauer soll Katjas Schmerz fühlen. Und deshalb war es nötig, dass ich mich in den Film einbrachte wie in keinen anderen Film zuvor. Man muss sich bei so einem Film die Frage stellen, ob man bereit ist, den ganzen Weg mitzugehen. Und das wollte ich.
 
Die Katja im Film geht einen bemerkenswerten Weg. Sie trauert, sie ist wütend, sie reagiert. Und während der ganzen Zeit hat sie verweinte Augen. Wie kriegt man das glaubwürdig hin?
Es ist schwer, das zu erklären. Man macht sich im Kopf so eine Sauce zurecht. Außerdem haben wir chronologisch gedreht, was selten beim Film passiert. Da hatte ich meist das Gefühl, jetzt nicht noch mehr herausgefordert zu sein. Ich musste nur auf das reagieren, was in den Szenen passiert ist.
 
Ein Dreh, der Spuren hinterließ: Diane Kruger in „Aus dem Nichts“ © Warner

Konnten Sie beim Dreh von „Aus dem Nichts“ am Abend den Schalter umlegen und fröhlich nach Hause gehen?
Vielleicht können das andere. Ich konnte es nicht. Wahrscheinlich war ich nicht die netteste Person während der Dreharbeiten. Ich hatte auch das Gefühl, während der vier Monate, die der Dreh gedauert hat, wie in einer Art Parallel-Universum unterwegs gewesen zu sein.
 
Die Attentäter aus dem Neonazi-Umfeld werden im Film freigesprochen. Katja sucht nach ihren Spuren und unternimmt eine Rache-Reise, die sehr intensiv ist. Sicher werden das einige Zuschauer ablehnen. Wie stehen Sie persönlich zu Katjas Aktionen?
Das ist genau die Frage, die ich nicht beantworten werde. Nicht, weil ich der Frage aus dem Weg gehen möchte. Aber Regisseur Fatih Akin und ich haben – wie Sie es schon sagen – von Katjas Reise berichtet. Es geht nicht um Diane Kruger. Insofern spielt es keine Rolle, was ich denke. Doch ich glaube schon, dass jeder von uns Rachegedanken in sich trägt. Wenn man extreme Ungerechtigkeit erlebt, dass löst das Rachegedanken in uns aus. So sind wir Menschen einfach. Aber muss man sie ausleben? Das weiß ich nicht!
 
„Aus dem Nichts“ wird in Kritiken oft als NSU-Film bezeichnet, weil der gezeigte Anschlag an die Taten des Neonazi-Trios erinnert.
Ich finde, das greift zu kurz. Für mich ist das ein Film über die Hinterbliebenen von Terror-Anschlägen, über die viel zu selten berichtet wird. Das hätte ein Anschlag in den USA sein können oder islamistischer Terror. Ich fand dieses Projekt so reizvoll, weil es so erschreckend aktuell ist und überall auf der Welt verstanden werden kann. Das ist eine deutsche Geschichte. Aber diese schrecklichen Dinge passieren weltweit.
 
A propos Deutschland: Während Sie in Hollywood und auch in Frankreich für große Produktionen gebucht sind, mussten Sie bis „Aus dem Nichts“ darauf warten, um einmal auf Deutsch zu drehen. Wie fühlte sich dieses Warten an?
Wie sich das anfühlt? Seltsam! Zumal ich bei jeder Gelegenheit gesagt habe, dass ich sehr gern mal in meiner Muttersprache spielen würde. Aber es sollte halte erst jetzt mit Fatih Akin klappen. Und auch da ging es nicht ohne französische Hilfe.

Ihr erster Dreh auf Deutsch: Diane Kruger mit Regisseur Fatih Akin © Warner

Wieso?
Fatih Akin war in den letzten Jahren zweimal mit Filmen zum Festival Cannes  eingeladen. Dort hatte ich auch jedes Mal zu tun. So sind wir uns über den Weg gelaufen. Ich habe ihm gesagt, dass ich gern mal mit ihm arbeiten würde. Er hat gemeint, dass er an mich denken würde.
 
Doch Sie haben nicht so recht daran geglaubt?
Na ja, nach meinen bisherigen Erfahrungen kann man mir das wohl nicht übelnehmen. Aber dann bekam ich das Drehbuch und wusste recht schnell, dass „Aus dem Nichts“ einer der wichtigsten Filme in meiner Karriere sein wird.
 
Wenn man mit Ihnen in den letzten Jahren auf Deutsch gesprochen hat, dann hat man schon gemerkt, dass hin und wieder mal ein Wort gefehlt hat. Und nun gleich eine Hauptrolle.
Das war überhaupt kein Problem. Zwei Dinge haben mich aber besonders erstaunt. Vor den Dreharbeiten in Hamburg habe ich für eine Weile in der Stadt gelebt. Das Deutsch kam relativ schnell wieder. Und ich habe gemerkt, obwohl ich doch so viele Jahre im Ausland gelebt habe, wie deutsch ich im Inneren bin. Wie wir in Deutschland miteinander reden, wie wir sind. Das war mir nicht mehr so vertraut. Da musste ich zuerst ganz schön recherchieren. Aber irgendwann kam das Gefühl dafür zurück, wie und wo ich aufgewachsen bin.
 
Schauspieler, die sehr fordernde Regisseure erleben, arbeiten oft nur einmal mit ihnen.
Das ist bei mir ganz anders. Na klar war es anstrengend. Aber es hat sich gelohnt. Mit Fatih Akin zu arbeiten, war wunderbar. Wenn er also wieder mal einen Film für mich hat: Ich bin bereit und warte auf ihn (lacht).    



Kritik
Aus dem Nichts
Der Hamburger Regisseur Fatih Akin und seine Hauptdarstellerin Diane Kruger haben mit dem Terror-Drama „Aus dem Nichts“ einen sehr körperlichen Film über den Terror und seine Folgen gedreht. Es ist ein Film, der einen packt und nicht mehr loslässt. Mehr...
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