Christoph Dostal über das Filmfest Frontale in Wiener Neustadt


„Wir wollen Film greifbarer machen“

10.11.2017
Interview:  Gunther Baumann

Christoph Dostal: Der neue Direktor der Frontale ist ein Pendler zwischen Österreich und Los Angeles © Claudia Prieler

Filmfestivals gedeihen nicht nur in Großstädten und Filmmetropolen. In Wiener Neustadt findet vom 15. bis 19. November schon zum siebten Mal die Frontale statt, die einen internationalen Kurzfilm-Wettbewerb mit der Präsentation aktueller Spielfilme verbindet. Dieses Jahr wird die Frontale mächtig aufgewertet: Das Budget steigt von 20.000 auf 84.000 Euro. Neuer Schauplatz ist das Stadttheater Wiener Neustadt, das eigens eine digitale Projektionsanlage bekam. Christoph Dostal – Schauspieler, neuer Frontale-Direktor und zugleich künstlerischer Leiter des Stadttheaters – spricht im FilmClicks-Interview über die Rahmenbedingungen und die Ziele, die man in der Region mit dem Filmfest verfolgt. Und er erläutert, warum es bei der Frontale nicht nur Erstaufführungen gibt: „Ein Film wie ,Toni Erdmann‘ war in Wiener Neustadt noch nie im Kino zu sehen.“


FilmClicks: Spricht man von Filmfestivals, so denkt man an Cannes, Venedig oder die Viennale. Wie schafft man es, einem Festival in einer vergleichsweise kleinen Stadt wie Wiener Neustadt ein eigenes Profil zu geben?
Christoph Dostal: Primär geht es darum, dass ein Festival in einer kleinen Stadt überhaupt stattfinden kann. Denn ich finde es sehr wichtig, dass man nicht unbedingt in eine Großstadt fahren muss, um ein Filmfest erleben zu können. Unser hehres Ziel ist es, dass wir mit der Frontale den Menschen in der Region Wiener Neustadt das Thema Film näherbringen. Dass wir Film greifbarer machen und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Film mehr bieten kann als nur Popcorn-Unterhaltung. Um den Hintergrund zu erklären: In meiner Jugend gab es in Wiener Neustadt fünf Kinos. Die haben alle zugesperrt. Mittlerweile existiert nur noch ein Kino, ein Cineplexx am Stadtrand. 2016 habe ich begonnen, am Stadttheater Wiener Neustadt als künstlerischer Leiter zu arbeiten. Dort wollte ich von Anfang an alles daran setzen, den Film zurück ins Theater zu bringen, denn das Stadttheater war bis 1999 auch ein Theaterkino.
 
Wie lautet das Programmkonzept der Frontale?
Die Basis des Festivals waren immer die Kurzfilme; so ist die Frontale entstanden. Im Kurzfilm-Bereich gibt es auch drei Preise zu gewinnen – nicht bei den Langfilmen. Aufgrund der Kurzfilme ist die Frontale auch ein internationales Festival, da wir pro Jahr zwischen 300 und 500 Einreichungen von Kurzfilmen aus der ganzen Welt bekommen. Von einer Fachjury werden dann die circa 20 Titel ausgewählt, die beim Festival gezeigt werden. Das Langfilm-Programm ist in diesem Jahr sehr Österreich-lastig.  Das ist ganz bewusst so, weil wir dem österreichischen Film auch in einer Kleinstadt eine Plattform bieten wollen. Die deutsch-österreichische Koproduktion „Toni Erdmann“ zum Beispiel wurde in Wiener Neustadt noch nie gezeigt. Und natürlich war auch Hauptdarsteller Peter Simonischek noch nicht hier, um über diesen Film zu sprechen.

Kommt zum Publikumsgespräch: „Toni Erdmann“-Star Peter Simonischek © Katharina Sartena

Erwarten Sie auch internationale Gäste bei der Frontale?
Ja. Ich freue mich besonders, dass Phedon Papamichael mit seinem Kurzfilm „A Beautiful Day“ am 15. November an der Eröffnungs-Gala teilnimmt. Phedon Papamichael ist im Hauptberuf einer der gefragtesten Kameramänner in Hollywood. Für „Nebraska“ erhielt er 2014 eine Oscar-Nominierung; sein neuester großer Film ist „Downsizing“ von Alexander Payne mit Matt Damon und Christoph Waltz, der im Jänner im Kino anlaufen wird. Bei der Frontale steht Papamichael für ein ausführliches Bühnengespräch zur Verfügung.
 
Sie erwähnten vorhin „Toni Erdmann“. Diese Tragikomödie, jetzt im Frontale-Programm, ist ein Film des Jahrgangs 2016. Auch fast alle anderen Langfilme der Frontale, beginnend mit dem Eröffnungsfilm „Licht“ von Barbara Albert, haben ihren regulären Kinostart in Österreich schon hinter sich. Stört Sie das nicht?
Nun, diese Filme kommen sonst entweder gar nicht nach Wiener Neustadt – oder ohne Publikumsgespräch. Solch ein Gespräch ist aber bei uns für jeden Film eine Grundbedingung. Es muss jemand aus der Produktion kommen, um über den Film zu diskutieren. Denn unser Ziel, den Menschen in der Region den Film greifbarer zu machen, lässt sich am besten dadurch verwirklichen, dass man die Zuschauer in ein Gespräch einbindet und ihnen dadurch die Möglichkeit gibt, hinter die Leinwand zu schauen. Das spannendste Publikumsgespräch erwarte ich mir heuer beim preisgekrönten Coming-of-Age-Drama „Siebzehn“ von Monja Art, das in der Region Wiener Neustadt gedreht wurde. Denn da können Jugendliche Altersgenossen befragen, wie das Erlebnis war, an einem Film mitzuwirken. 

Ein Film, der international Beachtung fand: „Siebzehn“ von Monja Art © Filmladen

Die Frontale 2017 findet, Ihrem Wunsch entsprechend, im Stadttheater Wiener Neustadt statt. War es leicht, das Theater wieder zum Teilzeit-Kino umzuwandeln?
Es war allen Beteiligten rasch klar, dass das Filmfestival ins Stadtzentrum zurückkehren sollte, und so konnte das Budget für eine digitale Projektionsanlage aufgestellt werden.  Der DCP-Projektor kostet mit Tonanlage und Einbau ungefähr 60.000 Euro. Das ist nicht wenig Geld. Der DCP ist natürlich nicht nur für das Festival da, sondern soll in Zukunft auch über das ganze Jahr genutzt werden. 
 
Die Frontale arbeitet mit einem Budget von 84.000 Euro. Für ein kleines Festival ist das gar nicht schlecht.
Richtig, wir konnten das bisherige Budget von ungefähr 20.000 Euro auf 84.000 Euro aufstocken. Und zusätzlich haben wir ja noch den DCP-Projektor finanziert. Wir versuchen aber, die Eintrittspreise so niedrig wie möglich zu halten, weil wir alle Menschen ansprechen wollen. Der Eröffnungsabend ist für alle Filmfreunde zugänglich, bei einem Ticketpreis von acht Euro, und die Eröffnungsfeier auf der Bühne des Stadttheaters ist mit Speis und Trank in diesem Preis inkludiert.

Prächtiger Rahmen: Das Stadttheater Wiener Neustadt ist Schauplatz der Frontale © Frontale

Haben Stadt und Land die Fördergelder aufgestockt, um dieses Budget zu finanzieren?
Ja, die Förderungen von Niederösterreich und Wiener Neustadt wurden erhöht, auf 35.000 Euro vom Land und 19.000 Euro von der Stadt, worüber wir uns sehr freuen und sehr dankbar sind. Zugleich haben wir das Ziel, das wir uns bei Sponsorengeldern setzten, übertroffen.  Das ist ebenfalls ein schönes Zeichen, weil es zeigt, dass die Firmen in Wiener Neustadt – es sind alles regionale Sponsoren – an das Festival glauben. Hier in der Region strebt man eine Festival-Achse an, Viennale – Frontale – Diagonale. Das stellt sich bildlich sehr schon dar, aber natürlich können wir uns mit den Festivals in Wien und Graz, was das Budget und die Historie betrifft, nicht vergleichen.
 
Wird die Frontale bei den Langfilmen auch in Zukunft den Schwerpunkt auf österreichische und deutsche Produktionen setzen, oder soll das Programm internationaler werden?
Da möchte ich flexibel bleiben. Einerseits geht es uns darum, welche interessanten Filme neu herauskommen – andererseits aber auch darum, welche Gäste wir bekommen können für die Publikumsgespräche. Natürlich ist es einfacher, wenn jemand aus Wien zu uns kommt, als wenn die Anreise in Los Angeles beginnt.
 
Wie soll das Stadttheater Wiener Neustadt mit seiner neuen DCP-Anlage während des Jahres als Kino genutzt werden?
Das Theater wird kein Programmkino; dazu fehlen die Kapazitäten und es gibt auch zu viel Theaterprogramm. Wir haben vor, künftig mindestens einen cineastischen Abend pro Monat zu machen, mit erlesenen Filmen und, wenn irgend möglich, auch mit Publikumsgesprächen.
 
Noch eine Frage zu Ihnen persönlich: Sie haben in den vergangenen Jahren als Schauspieler sehr viel Zeit in den USA und in Deutschland zugebracht. Sind Sie jetzt nach Wiener Neustadt zurückgekehrt oder werden Sie Ihre Zeit zwischen Österreich und Kalifornien teilen?
Ich werde weiterhin pendeln. Derzeit verbringe ich viel Zeit in Österreich, aber meine Arbeit für die Frontale und das Stadttheater geht in Los Angeles genauso weiter. Ich muss drüben halt nur diszipliniert sein und um 23 Uhr Ortszeit mit Österreich zu telefonieren beginnen, wegen der neun Stunden Zeitunterschied. Aber das ist heute alles machbar.
 
Sie spielten als Darsteller in der von Steven Spielberg und Tom Hanks produzierten Serie „Band of Brothers“. Wie leicht oder wie schwer ist es, als Schauspieler aus Europa in Los Angeles einen Fuß auf die Erde zu bekommen?
Es ist extrem schwer. Bei den Castings hat man manchmal 10.000 Mitbewerber.  Ich glaube, so viele Schauspieler wie in Los Angeles gibt es in ganz Österreich nicht. Man braucht dort eine riesige Portion Durchhaltevermögen, man stößt sehr oft an die eigenen Grenzen.  Zugleich herrscht in Los Angeles eine große Offenheit; man findet schnell Anschluss und schließt auch schnell Freundschaften. Mein Ziel ist es, dort nicht mehr unbedingt zu den großen Castings gehen zu müssen, sondern für neue Rollen weiterempfohlen zu werden.  Das ist ein realistisches Ziel, das mir auch jetzt schon immer wieder widerfährt. Aktuell musste ich sogar zwei Filme absagen, weil ich die Zeit hier in Österreich für die Frontale brauche.   
 



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