John Michael McDonagh über den Thriller „Am Sonntag bist du tot“


„Katholische Kirche steht vor Gericht“

29.11.2014
Interview:  Gunther Baumann

„Am Sonntag bist du tot“: Autor/Regisseur John Michael McDonagh (re.) und sein Star Brendan Gleeson © Berlinale

In seiner Jugend war der irisch-stämmige Filmemacher John Michael McDonagh Ministrant. Jetzt hat er mit „Am Sonntag bist du tot“ einen Irland-Thriller gedreht, der „die katholische Kirche vor Gericht stellt“. Brendan Gleeson spielt einen Pfarrer, der als Beichtvater eine Morddrohung erhält. Von einem Mann, der einst von einem anderen Geistlichen missbraucht wurde. Im FilmClicks-Gespräch erklärt McDonagh – er schrieb 2003 das Buch zum Kino-Hit „Ned Kelly“ mit Heath Ledger -, was ihn an der ungewöhnlichen Story reizte. Hauptdarsteller Brendan Gleeson ist mit der Familie McDonagh übrigens eng vertraut.  John Michaels Bruder Martin McDonagh inszenierte 2008 den Thriller „Brügge sehen… und sterben“,  der Gleeson den Weg zum Ruhm öffnete. 


Wer könnte der potenzielle Täter sein? Pfarrer Lavelle (Brendan Gleeson, li.) besucht seine Gemeinde © Filmladen

FilmClicks: Wie kamen Sie auf die Idee für „Am Sonntag bist du tot“?

John Michael McDonagh: Ich beginne beim Schreiben meist mit einer Hauptfigur. Dann frage ich mich, in welche Situationen diese Figur geraten könnte. Hier haben wir einen Priester, einen guten Mann, der bedroht wird. Was passiert als Nächstes? Jetzt sind die anderen Leute in der Stadt am Zug. Lavelle, der Priester, reagiert auf das, was um ihn herum geschieht. Was dann noch hinzukommt – Themen wie die Angst vom Tod oder der Verlust der Spritualität -, das steht im Subtext der Geschichte. Ich bin kein didaktischer Filmemacher, der die Krankheiten der Gesellschaft heilen will. Mir geht es darum, das Publikum gut zu unterhalten.
 
Im Film kündigt ein Beichtender dem Pfarrer an, dass er ihn umbringen wolle, weil er vor Jahrzehnten von einem anderen Geistlichen missbraucht wurde. Ist diese späte Morddrohung gegen einen unschuldigen Mann ein glaubhaftes Motiv?
Das Set-Up mit der Morddrohung bei der Beichte ist eine intellektuelle Konstruktion. Ich bin mir nicht sicher, ob so etwas in der Realität geschehen könnte. Aber es gibt immer wieder Fälle, wo jemand unvermittelt  verrückt wird oder ausflippt. Denken Sie an die Amokläufe in den USA, wo jemand ausrastet und in einem Shopping Center 40 Leute erschießt. Solche Amokläufe sind sicher die Folge von Konflikten, über die die Mörder jahrelang gebrütet haben – und an einem Tag kommt das alles heraus.
 
Der potenzielle Killer in „Am Sonntag bist du tot“ handelt aber nicht im Affekt, sondern sehr cool – er lässt seinem Opfer, wie es der Filmtitel  schon ausdrückt, noch eine ganze Woche Zeit.
Stimmt. Der Täter will den Priester in dieser Woche psychologisch foltern. Doch ich glaube, im tiefsten Inneren will er, dass der Pfarrer zur Polizei geht und seinen Verdacht äußert, wer hinter der Drohung steckt. Dann könnte er die Geschichte seines Missbrauchs endlich öffentlich machen – und zugleich kundtun, dass nicht einmal ein Ehrenmann wie der Pfarrer Ehre besitzt. Weil er sich nicht ans Beichtgeheimnis hält.

Zu Beginn des Films gibt es aus dem Blickwinkel der Kinozuschauer zwei Möglichkeiten: Entweder, der Pfarrer wird umgebracht – oder eben nicht. Haben Sie beide Alternativen im Auge gehabt, als Sie das Drehbuch schrieben?
Nein. Das Ende, das im Film gezeigt wird, stand für mich schon beim Schreiben fest. Und auch der Pfarrer, der  seine Gemeinde gut kennt, weiß, wer ihm nach dem Leben trachtet, obwohl er ihn bei der Beichte nicht sieht. Das erzählt er in einer Szene dem Bischof, den er besucht. Levelle geht aber nicht zur Polizei, er behält sein Wissen für sich. Das macht ihn zu einer heroischen, fast mythischen Figur. Wir mussten beim Dreh aber mit der Stimme des Beichtenden herumspielen, damit das Publikum nicht auch gleich weiß, wer der potenzielle Täter ist, wenn er zum ersten Mal ins Bild kommt. Da musste ich ein bisschen betrügen (lacht).

Wenn man „Am Sonntag bist du tot“ anschaut, hat man das Gefühl, dass alle Bewohner des Orts, in dem der Film spielt, ins katholische Kirchenleben integriert sind. Ist das in Irland so üblich?
Nun, früher war es üblich. Die Kirche mischte sich in das Leben der Bürger ein, sie hatte fast eine politische Kontrolle über die Städte. Das ist vorbei. Wegen der vielen Skandale hat die Kirche heute diesen Einfluss nicht mehr. Zum Glück.

Im Original trägt „Am Sonntag bist du tot“  den Titel „Calvary“. Das ist der englische Name für den Berg Golgatha, an dem Christus gekreuzigt wurde. Was wollen Sie mit diesem Titel aussagen?
Der Titel steht nicht nur für den Ort der Kreuzigung. Er ist auch ein Synonym dafür, dass jemand bereit ist, Leid auf sich zu nehmen. Die Reise dorthin ist genauso wichtig wie der Ort selbst. Pfarrer Lavelle ist darauf vorbereitet, zu leiden. Er hofft, dass ihm das Leid erspart bleibt, aber rechnet auch mit der Möglichkeit, zu sterben. Er hängt am Leben, ist jedoch bereit, den Preis für all die Skandale der Kirche und die Fehler, die jedermann macht, zu bezahlen. Vielleicht will er sogar ein Märtyrer sein. Sein christlicher Glaube ist so tief, dass er auch bereit ist, eine Märtyrer-Rolle in Kauf zu nehmen. Der Film stellt die katholische Kirche quasi vor Gericht.



Kritik
Am Sonntag bist du tot
Brendan Gleeson spielt im irischen Thrillerdrama „Am Sonntag bist du tot“ einen katholischen Priester, der im Beichtstuhl mit einer Morddrohung konfrontiert wird.      Mehr...