David Garrett


„Meinen Beruf macht man nicht wegen des Geldes“

01.11.2013
Interview:  Matthias Greuling

David Garrett als Niccolò Paganini im Film „Der Teufelsgeiger“ © Filmladen

Star-Geiger David Garrett in seiner ersten Filmrolle: In „Der Teufelsgeiger“ spielt der Deutsche nicht nur die wunderbare Musik von Niccolò Paganini, er verkörpert ihn auch. Nun, ein begnadeter Schauspieler ist Herr Garrett nicht, aber die Intensität, mit der er Paganinis Musik zu neuem Leben erweckt, ist beeindruckend. Im Film reist der Filou Paganini, der mit Frauen und Geld verschwenderisch umging, nach London, um dort das Publikum zu erobern. Im echten Leben erweist sich David Garrett als ein von der Musik Getriebener, der ein schlechtes Gewissen hat, wenn er einmal einen Tag nicht auf seiner Geige übt, wie er im FilmClicks-Gespräch in Berlin verriet.


FilmClicks: Herr Garrett, inwieweit ist Paganini, den Sie in „Der Teufelsgeiger“ spielen, ein Vorbild für Musiker wie Sie?
David Garrett: Paganini ist eine Messlatte für jeden Geiger, der diesen Beruf professionell betreibt. Das beginnt schon in jungen Jahren, wenn man sich an die großen Komponisten wie Beethoven, Mozart, Tschaikowski heranwagt. Das ist eine Basis, die unumgänglich ist. Insofern steckt in jedem Geiger etwas von Paganini.
 
Haben Sie am Set zu „Der Teufelsgeiger“ live gespielt, und wurde das dort auch alles aufgenommen?
Wir haben alles live gespielt.
 
Paganini galt als Rockstar seiner Zeit. Jetzt gelten Sie auch als eine Art Rockstar in dieser Branche, zumindest als Ausnahmemusiker, der sich nie so leicht in eine Schublade stecken lässt. Ist das auch eine Parallele?
Wir hatten beide jedenfalls ungewöhnliche Karrieren, und meine geht hoffentlich noch ein paar Jahre weiter (lacht). Wenn man eine Karriere so wie ich sehr früh beginnt, schon im Jugendalter auf der Bühne steht, dann kennt man die Abläufe im Hintergrund. Ob das jetzt die Disziplin ist, die man jeden Tag abrufen muss, ob das die Druck-Situationen sind, die du schon als Kind erlebst, und die sich dann im Erwachsenenalter fortsetzen, wobei es sich dann um deinen eigenen Druck handelt: All das sind Dinge, mit denen ich mich sehr gut auskenne. Das ist sicher ein Vorteil, wenn man so eine Rolle spielt.
 
Dank Ihrer erfolgreichen Karriere müssten Sie heute gar nicht mehr arbeiten…
Ich bin versucht zu sagen: Man macht einen Beruf ja nicht wegen des Geldes.
 
Naja, zumindest keinen künstlerischen…
Meinen Beruf macht man Gott sei dank nicht wegen des Geldes.
 
Sondern wegen der Leidenschaft?
Ja, denn keiner kann einem das bezahlen, was man dafür alles aufgibt: Sein persönliches Leben, soziale Kontakte. Man reist ständig durch die Gegend, mal mehr, mal weniger. Im Grunde ist die große Priorität immer die nächste Aufnahme, das nächste Konzert. Das ist schon sehr speziell.
 
Gibt es denn da nicht manchmal Durchhänger? Kann es einmal vorkommen, dass Sie keine Lust auf Musik haben?
Durchhänger hat man immer mal wieder und denkt sich: Heute habe ich überhaupt keine  Lust zu Üben, zum Beispiel. Aber es ist ein Stück weit antrainiert, sich selbst in solchen Fällen zu motivieren.
 
Ist Disziplin in ihrem Beruf also das allerwichtigste?
Ja. Das ist so, wie wenn man gelernt hat, drei Mal pro Tag die Zähne zu putzen. Da fühlt man sich komisch, wenn man’s nicht macht. Ich habe einfach gelernt, am Tag drei, vier Stunden zu üben, wenn nötig auch mehr. Wenn man einmal nicht übt, dann ist das ist verbunden mit dem Gefühl, dass du nicht das gemacht hast, was du hättest machen sollen.
 
Also ein schlechtes Gewissen?
Ja, genau, das ist ein schlechtes Gewissen…

„Der Film war eine tolle Möglichkeit, die Legende von Paganini auf die Leinwand zu bringen“ © Filmladen

Fiel es Ihnen schwer, jemand anderen in einem Film darzustellen? Denn das ist ja so gar nicht ihre Profession.
Nein, das ist nicht mein Beruf. Aber jeder Geiger hätte sich geehrt gefühlt, diese Rolle zu spielen. Es war eine ganz tolle Möglichkeit, diese Legende von Paganini auf die Leinwand zu bringen und seine Musik so gut wie möglich zu präsentieren. Damit meine ich nicht nur seine Geige, sondern die gesamten Orchestrierungen, die Arrangements neu zu machen. Es war eine große Herausforderung, die Musik so lebendig und so neu wie möglich zu machen, und zwar mit den alten Instrumenten, die es damals gegeben hat.
 
Mit welchem Instrument spielten Sie im Film?
Auf der Kopie einer Guarneri del Gesù von 1742, die in späteren Jahren Paganinis Hauptinstrument war. Es gab aber auch Szenen, in denen wir eine Stradivari-Kopie einsetzten. Ich habe sehr viel Wert auf die Details gelegt: Dass das Orchester keinen Feinstimmer hat, dass wirklich Darmsaiten verwendet wurden, dass keine Schulterstützen eingesetzt werden, die es ja damals noch nicht gab. Mir war das visuell Akkurate sehr wichtig, denn das wird in Filmen immer wieder falsch gemacht.
 
Inwieweit haben Sie sich auch die Spieltechnik von Paganini angeeignet?
Mit Paganini bin ich groß geworden. Ich habe die Capricen mit 15 aufgenommen. Die Technik war sehr anspruchsvoll, aber das war nicht der Schlüssel zum Film. Der Schlüssel war die Orchestrierung der Werke.
 
Der Ton klingt sehr nach dem 19. Jahrhundert.
Ich habe mich darum bemüht, nur Instrumente zu verwenden, die es damals tatsächlich gab. Ich wollte die optimale Weise nachstellen, wie Paganini geklungen hätte, hätte er damals ein bisschen mehr Geld für gute Arrangeure gehabt.
 
Wenn Paganini also eine Platte aufgenommen hätte, müsste sie so tönen?
Im optimalen Falle, ja. Wie gesagt, wenn seitens Paganini damals ein bisschen mehr Leidenschaft in die Arrangements geflossen wäre - jeder Geiger, der dieses Interview liest, weiß, was ich meine -, dann müsste es sich so anhören. Das war eine Verantwortung und auch eine Herausforderung.
 
Erklären Sie doch mal einem Laien, was den Unterschied ausmacht, wenn ich nun auf einer Stradivari spiele, oder eben nicht.
Kommt darauf an. Es gibt Stradivaris, auf denen würde ich nicht spielen wollen. Diese Geigen sind wie Studien, die Erbauer haben unglaublich viel damit experimentiert. Es gibt einige, die sind wirklich toll, andere weniger. Jede Geige hat eine andere Tonvorstellung. Meine aktuelle Geige ist ideal für mich, weil sie eine gewisse Helligkeit hat, wie ich das auch bei Heifetz oder Milstein liebe. Diese Geige ist ideal für mich. Wenn ich sie aber nun einem anderen Geiger gebe, kann es sein, dass der damit nicht zufrieden ist. Es muss wirklich passen, nicht nur physisch, sondern auch klanglich in der Tonvorstellung. Wenn man sein ideales Instrument dann gefunden hat, wird es meistens verdammt teuer… (lacht)
 
Irgendwann wurde diese Geige für Sie leistbar, weil Sie ja auch einer der erfolgreichsten „Entertainer“ in dem Business sind.
Das mit dem Entertainer höre ich nicht so gerne. Sagen wir lieber, ich habe viel, viel gearbeitet, um mir so etwas leisten zu können.
 
Wie wichtig ist Ihnen in dem ganzen bierernsten Klassikbetrieb ein bisschen „Show“?
Show hat dann keinen Nachteil, wenn die Qualität stimmt, wenn sie die Qualität des Künstlers nicht beeinflusst. Dann ist Show völlig legitim. Das ist, wie wenn du ein tolles Produkt hast und eine tolle Verpackung. Nur die Verpackung allein ist zuwenig. Aber wenn man ein tolles Produkt hat und auch ein gutes Marketing dazu, dann ist Show sogar wichtig, denn es wäre doch schade, wenn die tolle Verpackung mit dem schlechten Inhalt sich besser verkauft, als die tolle Verpackung mit dem tollen Inhalt.
 
Wie vermeidet man es, aus dem Mythos Paganini Kitsch zu machen?
Das war uns ein sehr wichtiges Anliegen! Mir war wichtig, dass alles, was im Film passiert, zumindest in weiten Teilen historisch  belegbar ist. Denn es gibt ja viele Mythen und Legenden, die sich um Paganini ranken und die so sicherlich auch nicht stimmen. Es sollte kein Fantasy-Film werden.
 
Hatten Sie denn Schauspielunterricht genommen?
Einige Stunden in New York, ja. Vom Regisseur hatte ich allerdings die Anweisung, genau das nicht zu tun. Aber ich glaube an gute Vorbereitung. Das letzte Mal, als ich auf einer Theaterbühne stand, war ich sieben und trat beim Weihnachtskrippenspiel auf. Dort habe ich meinen einzigen Satz total versemmelt.
 



Kritik
Der Teufelsgeiger
„Der Teufelsgeiger“ erzählt eine Episode aus dem Leben von Niccoló Paganini. Er wird verkörpert von Violin-Star David Garrett: Musikalisch ist das eine prima Idee, darstellerisch eher weniger. Mehr...
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