Risse im Beton

In den Schattenwelten von Wien


FilmClicks:
„Risse im Beton“: Ein Vater-Sohn-Drama (Murathan Muslu, re., und Alechan Tagaev) steht im Zentrum © Filmladen
DIE STORY: „Risse im Beton“ von Umut Dag ist ein Familiendrama mit Thriller-Elementen, das jene Quartiere von Wien zum Schauplatz hat, die in keinem Werbevideo vorkommen: Die tristen grauen Siedlungen der Vorstadt.
Zu Beginn folgt man zwei Geschichten, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Ein Mann in den Dreißigern lässt es sich ohne Gegenwehr gefallen, von einer Frau geschlagen zu werden. Ein Teenager sorgt mit seinen Freunden auf der Straße für streitlustige Unruhe.
Später wird sich herausstellen, dass der Ältere, Ertan (Murathan Muslu), der Vater des jungen Mikail (Alechan Tagaev) ist. Der Sohn (er)kennt den Vater nicht, denn der hat wegen Totschlags und anderer Delikte zehn Jahre im Knast verbracht. Jetzt sucht Ertan die Nähe seines Sohnes, weil er ihn vor einer ähnlichen kriminellen Karriere bewahren will.
Die Gefahr dazu besteht: Der 15-jährige Mikail, der vom schnellen Ruhm als Rapper träumt, finanziert seine Demo-Aufnahmen im Studio durch Drogenhandel. Und er borgt sich Geld bei einem Vorstadt-Gangsterboss, der für seine Darlehen 20 Prozent Zinsen nimmt. Pro Tag.
 
Starkes Spiel: Murathan Muslu in „Risse im Beton“ © Filmladen

DIE STARS:
Keine Stars, aber starke Typen. Der türkischstämmige Wiener Murathan Muslu, der den Vater spielt, porträtiert einen gebrochenen Mann, der sich aus eigenem Verschulden das Leben verbaute. Jetzt weiß er nicht mehr, wo er hingehört, außer zu seinem Sohn. Wenn Ertan/Murathan dem jungen Mikail manchmal Tipps in Sachen Rap gibt, ist das mehr als ein Drehbuch-Dialog. Mit der Hip-Hop-Kombo Sua Kaan holte Murathan Muslu eine Amadeus-Nominierung.
Alechan Tagaev (Mikail) wurde von der Straße weg gecastet. Er hat (noch) keine Schauspiel-Ausbildung, aber definitiv Talent. Daraus könnte was werden. Martina Spitzer („Braunschlag“, „Paradies: Glaube“) spielt eine sehr herbe Sozialarbeiterin mit einem sehr großen Herzen.
 
DIE KRITIK: Der Wiener Regisseur Umut Dag fand 2012 den Weg ins Rampenlicht, als sein Film „Kuma“ bei der Berlinale Premiere hatte. Das Migrations-Drama schilderte die Verlassenheit einer nach Wien verheirateten Türkin, die am neuen Ort hinter verschlossenen Fenstern hermetisch vom Leben der Stadt abgeschirmt wurde.
Jetzt, in „Risse im Beton“, hat Umut Dag die Fenster geöffnet. Er zeigt ein Wien, das nichts mit jenen Eigenschaften zu tun hat, die Österreichs Metropole immer wieder den Status einer der lebenswertesten Städte der Welt einbringen.
Das Personal des Dramas besteht aus echten Wienern der unterschiedlichsten Herkunft. Die Protagonisten haben Wurzeln in der Türkei, in Georgien, in Tschetschenien oder auch in Österreich, und sie gehen meist herzzerreißend schlecht miteinander um. Die Sprache ist rau, die Fäuste sind stets bereit zum Zuschlagen. Solidarität gibt es nicht. Jeder sucht seinen eigenen Vorteil – sonst nichts.
In dieses kleinkriminelle Biotop hat Drehbuchautorin Petra Ladinigg eine berührende Vater-Sohn-Geschichte gepflanzt, die immer wieder in Gefahr gerät, im rauen Klima einzugehen. Doch Ertan, der schwer am Rucksack eigener Verfehlungen trägt, bleibt seinem Sohn Mikail hartnäckig auf der Spur.
„Risse im Beton“ ist allein schon als herbes Milieu-Drama den Besuch wert. Umut Dag entwirft mit druckvollem Tempo die Silhouette eines Unterklasse- und Halbwelt-Wien, in dem Machos, Dealer und Ganoven den Ton angeben. Jene, die guten Willens sind, haben es in so einem Umfeld nicht leicht.         
Doch sie lassen sich, voran der Vater Ertan, nicht beirren. In seiner melancholischen Geradlinigkeit ist er ein eindrucksvoller Mann. So entwickelt man allmählich starke Sympathien für diesen ehemaligen Gewalttäter, der stets das Gute will, auch wenn ihn seine inneren Dämonen nie ganz in Ruhe lassen. Denn obwohl er nach der langen Haft um die Konsequenzen weiß, kann es ihm noch immer passieren, dass ihm im Jähzorn die Faust ausrutscht.
Was seinen Sohn betrifft, verströmt Ertan allerdings pure Zuneigung. Er ist helfend zur Stelle, wenn sich Mikail immer tiefer ins Schlammassel reitet. Der Film strebt einem aufwühlenden Finale zu, das niemanden im Publikum unberührt lässt.
 
IDEAL FÜR: Freunde handfester realistischer Kinodramen. 






Trailer
LÄNGE: 105 min
PRODUKTION: Österreich 2014
KINOSTART Ö: 19.09.2014
REGIE:  Umut Dag
GENRE: Drama
ALTERSFREIGABE: ab 14


BESETZUNG
Martina Spitzer: Andrea
Magdalena Paulus: Daria
Alechan Tagaev: Mikail
Murathan Muslu: Ertan

Interview
„Ich drehe gern Filme über Leute, die ich nicht verstehe“
Der Wiener Umut Dag, 32, zählt zur Spitzengruppe der jungen österreichischen Filmemacher. Im FilmClicks-Gespräch erzählt er über sein Vater-Sohn-Drama „Risse im Beton“, das nach der Berlinale-Weltpremiere jetzt in Österreichs Kinos läuft. Mehr...