Gut gegen Nordwind

Die Liebe in Zeiten des Internet


FilmClicks:
Alexander Fehling und Nora Tschirner haben in „Gut gegen Nordwind“ nur winzige gemeinsame Momente © Sony
GESAMTEINDRUCK: „Gut gegen Nordwind“: Die Verfilmung der E-Mail-Romanze von Daniel Glattauer hat Charme, kommt aber nicht über das Problem hinweg, dass es filmisch unergiebig ist, wenn zwei Liebende einsam am Computer sitzen und schreiben.
 
DIE STORY: Am Anfang von „Gut gegen Nordwind“ steht eine virtuelle Zufallsbekanntschaft. Emmi  (Nora Tschirner) möchte ein Zeitschriften-Abonnement kündigen, landet mit ihrer Mail jedoch irrtümlich in der Mailbox von Leo (Alexander Fehling). Die beiden beginnen unbekannterweise einen regen Mailwechsel, der bald an Intensität gewinnt. Sie fassen Vertrauen zueinander und schildern auch ihre privaten Verhältnisse (sie ist verheiratet, er leidet unter einem Beziehungs-Ende). Die Emotionen zwischen Emmi und Leo lodern immer höher. Nur vor einem realen Treffen scheuen die Online-Turteltauben mächtig zurück.

Leo (Alexander Fehling) schreibt eine E-Mail an Emmi... © Sony

DIE STARS: Nora Tschirner, die ihre Laufbahn als MTV-Moderatorin begann, spielte an der Seite von Til Schweiger in dessen Komödien-Hits „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“. Seit 2013 ermittelt sie gemeinsam mit Christian Ulmen im „Tatort“ am Standort Weimar.
Alexander Fehling wurde 2011 bei der Berlinale als einer der Shooting Stars des europäischen Films geadelt. Diesem Titel gemäß beeindruckte er vorher und nachher in Filmen wie „Goethe!“, „Wer wenn nicht wir“, „Im Labyrinth des Schweigens“ oder „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Quentin Tarantino engagierte ihn für eine kleine Rolle in „Inglourious Basterds“.
Die deutsche Regisseurin Vanessa Jopp machte ab 2000 mit Filmen wie „Honolulu“ oder „Engel & Joe“ auf sich aufmerksam. 2017 inszenierte sie den von der Kritik gelobten Berliner „Tatort“ mit dem Titel „Amour Fou“.
 
...und Emmi (Nora Tschirner) schreibt eine E-Mail an Leo retour © Sony

DIE KRITIK: Die Grundregel Nummer eins bei Kinoromanzen lautet bekanntlich, dass die Liebenden zu Beginn durch große Hindernisse voneinander getrennt sein müssen, damit ein mitreißender Film daraus werden kann. Im Fall von „Gut gegen Nordwind“ sind die Hürden fast unüberwindbar: Weil sie nur per Mail miteinander flirten, bekommen die Protagonisten Emmi und Leo einander praktisch nie zu Gesicht.
Der Einstieg in den Film hat Power. Die Kamera blickt zunächst ins Leben des Sprachwissenschaftlers Leo Leike (Alexander Fehling), dem es gerade nicht so toll geht. Seine irrlichternde Freundin Marlene (Claudia Eisinger) gibt ihm kalt-warm. Mit Tendenz zu eiskalt.
Dass in diesem Schlamassel plötzlich die irregeleitete E-Mail einer gewissen Emma Rothner (Nora Tschirner) einlangt, nimmt Leo kaum wahr. Doch als sie auf seine Antwort provokant reagiert („Passiv ignoranter Idiot“), ist sein Interesse geweckt. Er schreibt ihr wieder zurück. Und sie ihm auch. Und dann er an sie. Und so weiter. Und irgendwann stellen die beiden fest, dass sie sich aneinander gewöhnt haben. Immer mehr wollen sie voneinander wissen.
„Gut gegen Nordwind“ erzählt eine pointierte und realistische Geschichte über die Liebe in den Zeiten des Internet. Weil den künftigen Liebenden die Magie des ersten Blicks fehlt, müssen die Emotionen durch Worte geweckt werden. Das wiederum führt zu Projektionen, wie der oder die Neue wohl in der Wirklichkeit wirkt. Verbunden mit der Angst, ob die Intensität der hin und her fliegenden Mails erhalten bleibt, wenn man sich persönlich gegenübertritt. Was Emmi und Leo alles anstellen, um den Moment der ersten Begegnung zu vermeiden, ist eindrucksvoll und komisch zugleich.
Für die beiden Hauptdarsteller ist diese Versuchsanordnung freilich eine immense Herausforderung: Sie haben keinen Spielpartner, mit dem sie interagieren können, sondern nur einen Bildschirm und ein Keyboard. Manchmal sind das Klappern der Tasten und die Bewegung der Buchstaben das einzige Action-Element auf der Leinwand. Weil die Darsteller nicht miteinander sprechen können, hört man das, was sie gerade schreiben, aus dem Off.
Kurzum: Der international gepriesene Beziehungs-Bestseller „Gut gegen Nordwind“ – der von Autor Daniel Glattauer ja nie als Drehbuch konzipiert war! – hat die unfilmischste Struktur, die sich für einen Film nur denken lässt.
Dank ihres Talents schaffen es Nora Tschirner und Alexander Fehling eine ganze Weile, dieses Manko zu überspielen. Sie gibt die Emmi als quirlige und schlagfertige Großstädterin (gedreht wurde im schönen Köln), der zu jeder Situation ein cooler Spruch einfällt. Er schenkt  dem Leo eine melancholisch angehauchte Souveränität und eine elegante Sprache, die ihre Wirkung auf Emmi nicht verfehlt.
Aber wenn die beiden Darsteller in intensiven Momenten dann wieder mal auf den flirrenden Bildschirm starren anstatt in die leuchtenden Augen ihres Gegenübers, gerät die beschwingte Inszenierung von Vanessa Jopp an ihre Grenzen. Der Effekt beim Rezensenten: Spürbare Langeweile schleicht sich ein. Verbunden mit der Frage: Warum klappen die beiden nicht endlich mal ihre Computer zu und gehen ein paar Meter aufeinander zu, um sich bei einem Kaffee erstmals zu beschnuppern?
Wie die Millionen-Leserschaft des Romans weiß, führt diese Frage natürlich am Wesen des Buchs vorbei: Die Tatsache, dass Emmi und Leo persönlich so einen großen Bogen umeinander machen, ist ein Kernelement der Story.
Wie die Leserschaft von „Gut gegen Nordwind“ aber ebenfalls weiß, hat Daniel Glattauer eine Fortsetzung geschrieben, „Alle sieben Wellen“. Dort finden Emmi und Leo von Angesicht zu Angesicht zueinander. Vielleicht sollten wir uns schon auf die Verfilmung dieser Geschichte freuen? Nora Tschirner und Alexander Fehling gemeinsam auf der Leinwand zu erleben, könnte sehr reizvoll sein.
 
IDEAL FÜR: die riesige Fangemeinde des Romans „Gut gegen Nordwind“.






Trailer
LÄNGE: 123 min
PRODUKTION: Deutschland 2019
KINOSTART Ö: 12.09.2019
REGIE:  Vanessa Jopp
GENRE: Drama|Romanze
ALTERSFREIGABE: ab 12


BESETZUNG
Nora Tschirner: Emma
Alexander Fehling: Leo
Ulrich Thomsen: Bernhard
Claudia Eisinger: Marlene
Ella Rumpf: Adrienne

Interview
„Viele haben das Gefühl, dass ich ihre Geschichte erzähle“
Der Wiener Autor Daniel Glattauer schuf 2006 mit dem romantischen E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ einen Millionen-Seller. FilmClicks traf ihn zum Interview über die Verfilmung des Buchs, die am 12. September angelaufen ist. Mehr...