Die Blumen von gestern

Lachen gegen das Grauen


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„Die Blumen von gestern“: Zazie (Adèle Haenel) und Totila (Lars Eidinger) sind ein tolles Duo © Dor Film
DIE STORY: „Die Blumen von gestern“ ist eine Komödie, die von einem sehr ungewöhnlichen Zusammentreffen erzählt.
Der Holocaust-Forscher Totila „Toto“ Blumen (Lars Eidinger), Spross einer deutschen Nazi-Täterfamilie, bekommt eines Tages die französische Jüdin Zazie Lindeau (Adèle Haenel) als Praktikantin zur Seite gestellt. Dieser Moment verändert Totilas Dasein komplett. Zazie wirbelt wie ein Sturm durch sein Leben. Sie bringt ihn dazu, alles in Frage zu stellen, was ihn jemals ausgemacht hat, beruflich und privat.
Aber was will Zazie eigentlich? Als die beiden quer durch Europa reisen, um einen Holocaust-Kongress in letzter Sekunde vor dem Scheitern zu bewahren, wird es absurd. Und tragisch. Doch letzten Endes sogar märchenhaft schön.

 
Balthasar (Jan Josef Liefers, mit Lars Eidinger) ist irgendwie nicht so gut drauf © Dor Film

DIE STARS: Noch zeigt sich das Kinojahr 2017 nicht einmal in der Ferne. Und dennoch sind bereits zwei Lieblings-Leinwandpaare auszumachen. Aus Hollywood Ryan Gosling und Emma Stone (im hinreißenden Jazz-Musical „La La Land“). Und aus Europa Lars Eidinger und Adèle Haenel in „Die Blumen von gestern“.
Der Berliner und die Pariserin – da haben sich zwei gefunden, die entfesselt spielen, die den Zuschauer vergessen lassen, dass wir es hier mit Kintopp zu haben. Alles sieht unglaublich real aus. Adèle Haenel konnte vor den Dreharbeiten kaum Deutsch (obwohl sie einen österreichischen Vater hat) und hat sich dann in sechs Monaten die Fähigkeit draufgeschafft, in dieser ihr fremden Sprache nicht nur einfach zu spielen - sie brilliert!
Neben Eidinger & Haenel sind noch etliche andere hervorragende Schauspieler zu sehen. Hannah Herzsprung als Eidingers Lebensgefährtin, Jan Josef Liefers mal ohne Münsteraner „Tatort“-Fall und dennoch mit den komischsten Stellen des Films. Die ostdeutsche Filmlegende Rolf Hoppe tritt auf als Holocaust-Forscher mit Hund. Ein wunderbares Ensemble.

Ehepaar mit Schaf: Lars Eidinger und Hannah Herzsprung © Dor Film

DIE KRITIK: Dem Filmemacher Chris Kraus, der vor exakt zehn Jahren mit dem Drama „Vier Minuten“ den großen Durchbruch schaffte, ist mit „Die Blumen von gestern” wieder ein Paukenschlag gelungen. Schon bei der Eröffnung der 50. Internationalen Filmtage im bayerischen Hof wurde Ende Oktober sehr viel diskutiert. Und wenn die deutsch-österreichische Ko-Produktion – zum Teil spielt der Film in Wien – im Januar 2017 in die Kinos kommt, werden sicher nicht wenige Bedenkenträger aufstehen und etwas davon murmeln, dass Holocaust und Auschwitz und Humor nicht zusammenpassen.
Falsch! Wenn man Holocaust und Humor thematisiert, dann bitte so wie hier von Chris Kraus. Der Regisseur hat sich viele Jahre mit der Geschichte seiner Familie und ihrer Verstrickung in die Nazi-Diktatur befasst. Seine Erkenntnisse bilden die Grundlage des Films. „Die Blumen von gestern“ ist frech und zum Teil respektlos. Aber nicht den Opfern gegenüber. Es geht ständig um die Frage, wie wir uns dazu stellen, was damals geschehen ist. Ob alles Schreckliche lange vergangen ist oder ob es nur eines winzigen Anlasses bedürfte, damit alles wieder von vorn beginnt.
Die Figur des Toto Blumen ist grandios und ein Geschenk für den Ausnahmeschauspieler Lars Eidinger. Toto ist der Historie verpflichtet, taucht jeden Tag in einem Holocaust-Center ein und kommt den Rest des Tages kaum noch aus diesem düsteren Thema heraus. Denn die Geschichte der eigenen Familie hat ihn nachhaltig so beschädigt, dass er manisch-depressiv wurde und obendrein auch noch - vielleicht ein bisschen zuviel des Guten, aber am Ende macht es Sinn - impotent.
Diesem Wrack von einem Mann, das gerade daran gescheitert ist, eine Holocaust-Konferenz zu organisieren, wird eine Wahnsinnige an die Seite gestellt. Zazie Lindeau (Adèle Haenel), die französische Praktikantin, setzt gleich zu Beginn ein starkes Zeichen. Totila  holt sie vom Flughafen in einem Mercedes-Geländewagen ab. Ihr Kommentar: „In so etwas wurde meine Omi ermordet. Damit fahre ich nicht.“ Und das ist nur der Anfang. Zazie überrascht ständig nicht nur Totila Blumen, sondern auch den Zuschauer.
Die Dialoge sind messerscharf, immer wieder scheint Loriot begeistert von seiner Wolke zu winken, und die Wendungen des Films sind spannend. Es gibt viele Situationen, in denen man den inneren Gradmesser befragt, ob man lachen darf, während man es längst tut. Ein wunderbarer, ein befreiender Film.
 
IDEAL FÜR: Kinogänger, die Geschichtsaufarbeitung einmal anders sehen wollen. Tabu-Grenzen werden hier bewusst verschoben.






Trailer
LÄNGE: 125 min
PRODUKTION: Deutschland / Österreich 2016
KINOSTART Ö: 12.01.2017
REGIE:  Chris Kraus
GENRE: Drama|Komödie
ALTERSFREIGABE: ab 14


BESETZUNG
Lars Eidinger: Toto Blumen
Adèle Haenel: Zazie Lindeau
Hannah Herzsprung: Hannah Blumen
Jan Josef Liefers: Balthasar Thomas