Abel Ferrara über seinen Film „Pasolini“


„Pasolini ist ein bisschen wie Jesus“

20.11.2015
Interview:  Matthias Greuling

„Pasolini“: Regisseur Abel Ferrara (re.) mit Hauptdarsteller Willem Dafoe © Katharina Sartena

Wenn ein Filmemacher einem anderen Filmemacher ein Denkmal setzt, dann ist wohl bedingungslose Bewunderung die Voraussetzung dafür. Abel Ferrara („Bad Lieutenant“) hat mit „Pasolini“ die letzten 24 Stunden im Leben des italienischen Intellektuellen Pier Paolo Pasolini rekonstruiert. Doch der Film ist keineswegs die Chronik eines Todes, sondern mehr der Versuch, die Bilderwelten und Weltbilder dieses Künstlers einzufangen und wirken zu lassen. Es ist eine Hommage an ein Idol.


FilmClicks: Mr. Ferrara, wieso wollten Sie in Ihrem neuen Film ausgerechnet Pier Paolo Pasolinis letzten Lebenstag schildern?
Abel Ferrara: Willem Dafoe und ich drehten zuvor schon „4:44 – Last Day on Earth“, eine Geschichte, die sich ebenfalls in nur 24 Stunden zuträgt. Wir empfanden dieses Format und diesen Rahmen als ideal, und deshalb wollten wir das auch bei „Pasolini“ versuchen. Man hätte viele Ansätze finden können: Einen Film über seinen Status als Intellektueller, über seine Homosexualität oder seine Filmkunst. Man muss bei einem solchen Film natürlich zuallererst versuchen, den Fokus auf sein Subjekt zu finden. Ich finde, man sollte einfach ganz unbedarft an den Film herangehen und sehen, dass es da um diesen intellektuellen Filmemacher geht, der ein schnelles Auto fährt, aber mit diesem am liebsten rund um den Bahnhof kreist und 15-jährige Stricher mitnimmt.
 
Sie selbst sind bekennender Fan von Pasolini, er hat Sie sozusagen von Jugend an geprägt.
Ja, das stimmt. Pasolini ist in meiner DNA! Er war ein unglaublicher Denker, er hatte manche seiner Drehbücher aus dem Kopf auf Tonband diktiert, und die Sprache klang wie pure Poesie. Wenn mir jemand so ein Drehbuch gibt, dem küsse ich die Füße. Am Anfang wusste ich gar nichts über Pasolini. Ich war ein junger Mann und sah diese Filme – Pasolini war Italiener, und damit für uns eine Alternative zu Belmondo und Delon. Ich sah „Decameron“ mit 20, ich habe seine Filme regelrecht aufgesaugt. So wie Fellini, Antonioni, Bertolucci, Rossellini. Das ist in Wahrheit der einzige Weg, wie man ein Filmemacher werden kann. Als Pasolini 1975 starb, war das wirklich ein schwerer Schlag für uns Cinephilen. Seine Filme sind trügerisch simpel und haben zugleich so viele Deutungsebenen. Er ist ein bisschen wie der Messias für Filmemacher. Ein bisschen wie Jesus.
 
Pasolinis Ermordung war Gegenstand zahlloser Spekulationen. Man sprach damals sogar von einem Auftragsmord der italienischen Regierung, weil Pasolini gegen sie recherchiert hatte. In Ihrem Film ist davon nichts zu sehen. Da wird Pasolini überfahren und zu Tode geprügelt.
Ich mag keine Verschwörungstheorien. Außerdem: Im damaligen Italien, in dem es möglich war, einen Präsidenten (Aldo Moro, Anm.) zu entführen, ihn wochenlang in einer Wohnung gefangen zu halten und ihn dann zu ermorden, ist es wahrscheinlich unmöglich, die Mörder Pasolinis zu finden. Außerdem würde ihn das nicht wieder lebendig machen, also ist es mir egal. Für mich steht fest: Pasolini ist wohl von dem Auto getötet wurde, das ihn überfuhr. Nicht von den Schlägern, die ihn anschließend zusammengeschlagen haben. Ob der Fahrer absichtlich gehandelt hat oder aus Versehen, wer weiß?
 
Sie haben diesen Film zweimal gedreht: Einmal auf Englisch und einmal auf Italienisch. Wieso?
Wir wollten eine italienische Fassung für das italienisches Publikum. Die schwierigen Szenen haben wir nur einmal gedreht, aber die meisten Dialoge zweimal. Sie unterscheiden sich im Schauspiel wirklich nur sehr minimal voneinander. Komplizierte Dialoge haben wir nicht auf Italienisch gedreht, obwohl Willem Dafoe sehr gut Italienisch spricht. Aber natürlich klingt er nicht wie Pasolini, er ist ja kein Native Speaker.

„,Pasolini' ist ein Herzensprojekt für mich“: Abel Ferrara © Filmladen

Sie haben viele Ihrer Filme mit wenig Budget realisiert, weil Sie immer unabhängig sein wollten. Wie lohnend ist es, ein solches Projekt abzuschließen?
Das Spannende am Filmemachen ist für mich nach all den Jahren das Gleiche geblieben: Einen Film, eine Vision bis zum Ende hin begleiten und ausformulieren, im Schneideraum zusammen montieren und dann zu sehen, was dabei herausgekommen ist. Wenn man einen neuen Film macht, dann ist das so, wie wenn Sie einen schweren Felsbrocken den Hügel hinaufrollen möchten. Letztlich bestimmt der Dschungel da draußen, welche Filme gemacht werden, und welche nicht. Als ich jung war, wollte ich das nicht glauben. Ich versteifte mich bei meinen Projekten, ganz nach dem Motto: „Dieser Film, oder keiner!“ Aber wenn man ein Gambler ist, muss man wissen, wann man seine Karten tauscht. Ich würde nicht dafür sterben, um ein bestimmtes Projekt machen zu dürfen.
 
„Pasolini“ sieht aber sehr nach einem Herzensprojekt aus.
Ist es auch. Im Fall von „Pasolini“ war die Finanzierung sehr aufwendig: Er ist eine italienische Ikone, aber zunächst wollte keine italienische Institution den Film unterstützen. Wir hatten schon Geld aus Belgien und Frankreich, aber ich sagte: Ich drehe diesen Film nicht ohne italienisches Geld. Ich lebe in Italien, Pasolini war Italiener, das ist doch lächerlich und peinlich, wenn man so ein Vorhaben nicht unterstützt. Schließlich musste ich mir die Gelder hart erkämpfen – man sieht zu Beginn des Films, wie viele unterschiedliche Förderstellen daran mitgewirkt haben. Ein Film wie dieser brauchte 22 Förderstellen – unglaublich eigentlich.



Kritik
Pasolini
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