Filmfest Venedig 2016

Traumstart: Liebe & Jazz im „La La Land“

01.09.2016
von  Gunther Baumann
Perfekter Start am Lido: Regisseur Damien Chazelle und Emma Stone präsentieren „La La Land“ © Katharina Sartena
Lachende Gesichter, Staunen und dazu Beifallsstürme, die nicht enden wollten: Das Filmfest Venedig legte am  31. August einen Traumstart hin. Schuld daran trägt Autor/Regisseur Damien Chazelle, der seinen Geniestreich „La La Land“ an den Lido brachte. „La La Land“ ist teils (Jazz-)Musical und teils Romanze. Teils Kunst-Essay und teils Hommage an das große Hollywood-Kino der Fünfziger Jahre. Ryan Gosling und Emma Stone sind hinreißend als junges Paar. Der Film, der von vielen Insidern bereits das Prädikat „Oscar“ aufgeklebt bekommt, läuft Mitte Dezember bei uns im Kino an.
Hinreißend: Ryan Gosling und Emma Stone in „La La Land“ © Filmfest Venedig

Musical.
„Ich wollte ein Musical über Künstler und Träumer machen und über den Kampf, diese Träume mit den Anforderungen der Realität in Einklang zu bringen“, sagt „La La Land“-Regisseur Damien Chazelle.
 
Gut und schön – doch warum ausgerechnet ein Musical? „Kein anderes Genre ist so reich an emotionaler Wahrheit“,  sagt der erst 31-jährige Filmemacher Chazelle, dessen Jazz-Drama „Whiplash“ 2014 drei fünf Oscars gewann. „Kein anderes Genre kann Träume, das Glück des Verliebtseins, aber auch den Schmerz, wenn ein Herz bricht, so lebensnah ausdrücken wie ein Musical.“
 
All diese Emotionen bekommt  man während des Films in hohen, aber bekömmlichen Dosen verabreicht. Doch alles beginnt in einem Stau. „La La Land“ lenkt den ersten Blick auf einen überfüllten Highway in Los Angeles. Auf einmal steigt eine Frau aus ihrem Auto und fängt an, zu singen und zu tanzen. Andere tun es ihr nach. Und ehe man sich’s versieht, ist man mitten drin in einer höllisch swingenden Revue-Nummer für hundert Tänzer und hundert Autos und eine verstopfte Autobahn; minutenlang gefilmt in einer einzigen Kamerafahrt ohne erkennbaren Schnitt. Allein für diese Sequenz hätte der Film einen Academy Award verdient. Die Reaktion in Venedig? Donnernder Zwischenapplaus.
 
Die Protagonisten Sebastian (Ryan  Gosling) und Mia (Emma Stone) sind schon in dieser Eröffnungsszene im Bild. Laut hupend fährt er an ihr vorbei. Kennenlernen werden sie einander erst später.
 
Was nun so richtig beginnt, ist ein  hinreißender Film über die Möglichkeit und die Unmöglichkeit der Liebe; über die Liebe zu Menschen und jene zur Kunst, und da wieder konkret zum Film und zur Jazzmusik.


 
Die Jungschauspielerin Mia ist zwar schon in einem Hollywood-Studio angekommen – aber nicht vor der Kamera. Sie verdient ihre Dollars in einer Cafeteria des Warner-Studios und marschiert ansonsten hoffnungsfroh von einer Audition zur anderen, um diese dann hoffnungslos, weil abgewiesen, wieder zu verlassen.
 
Sebastian wiederum ist ein Pianist von großem Format und mit einem klaren Blick auf den Jazz, den er über alles liebt.  Sein Problem: Beides ist nicht gefragt.  Mal muss er in einem Restaurant kitschige Weihnachtslieder spielen. Oder er bekommt einen Job in einer Band, die mit seinem Talent nichts anzufangen weiß.
 
Emma Stone und Ryan Gosling, die in jeder Hinsicht  großartig spielen, sind in diesen Sequenzen  über zerplatzende Träume besonders gut. Das ist vermutlich kein Wunder, denn hinter fast jedem Star steckt eine Biografie, die reich ist an kleinen Niederlagen. Beide machen aber auch die Hartnäckigkeit glaubhaft, trotz aller frustrierenden Momente nicht aufzugeben. Oder zumindest fast nie aufzugeben.
 
Vom Drehbuch  werden Mia und Seb irgendwann mit Karrieresprüngen belohnt. Und mit einer großen Liebe, auch wenn beide ahnen, dass ihrer Verbindung keine Ewigkeit geschenkt sein mag. Doch der Moment, wenn sich ihre Hände erstmals berühren; wenn beide wissen, dass sich ihr Leben von nun an für immer verändert hat – das ist Kino-Magie pur.

Mutig: Emma Stone und Ryan Gosling bei einer ihrer Tanznummern © Filmfest Venedig

Da „La La Land“ ein Musical ist, müssen die Darsteller immer wieder singen und tanzen. Der Film, der in der Gegenwart spielt, verbeugt sich in diesen Szenen vor dem üppigen Stil der Fünfziger-Jahre-Musikfilme. Allerdings sind Emma Stone & Ryan Gosling nicht Ginger Rogers & Fred Astaire, sondern Schauspieler, die den Sprung hinüber zur Musik wagen, so gut es halt geht. Der Effekt: Die beiden verdienen nicht nur für ihr brillantes Spiel großen Applaus, sondern auch für die Bereitschaft, ihre Schwächen vor der Kamera zu zeigen.
 
Regisseur Damien Chazelle inszeniert dieses beschwingte und zugleich tiefgründige, heitere und melancholische Spiel in bunten Farben, mit perfektem Rhythmus und coolen Pointen. Obendrein vermittelt „La La Land“, was für eine herrliche, lebendige und aufregende Musik der Jazz ist. Bei diesem Film fangen auch Jazz-Verächter irgendwann an, mit den Fingern zu schnippen.