Festival Cannes 2015

Eine Goldene Palme für rauen Realismus

24.05.2015
von  Gunther Baumann, Peter Beddies
Goldene Palme: „Dheepan“ von Jacques Audiard ist ein hartes und bewegendes Flüchtlingsdrama © Festival Cannes
Goldene Palme für das französische Migrations-Drama „Dheepan“ von Jacques Audiard. Großer Preis für die Auschwitz-Tragödie „Saul Fia“ des Ungarn Laszlo Nemes: Die Palmen-Jury unter Joel & Ethan Coen vergab die wichtigsten Auszeichnungen des Festivals Cannes an zwei große Filme, die knallharten Realismus mit cinephiler Publikums-Wirksamkeit kombinieren. Etliche Preisträger verbanden ihre Dankreden mit einer Verbeugung vor den Filmen der Coens. Die wiederum blicken auf spannende Tage zurück: „Die Arbeit in der Jury war eine der besten Erfahrungen meines Lebens“, sagte Joel Coen auf dem Weg zur Preisverleihung.
Der Gewinner der Goldenen Palme 2015: Jacques Audiard © Festival Cannes

Goldene Palme: Jacques Audiard („Dheepan“).
 Der Siegerfilm des 68. Festivals von Cannes wirkt wie ein Kino-Kommentar zur aktuellen Flüchtlings- und Migrations-Diskussion in Europa. Nur, dass die Hauptfiguren nicht aus Arabien stammen, sondern aus Asien. Ein Ex-Soldat, eine junge Frau und ein Waisenmädchen geben vor, eine Familie zu sein und fliehen vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka nach Frankreich. Dort werden sie in einer heruntergekommenen Trabantenstadt untergebracht, in der Drogendealer das Regiment führen. Wie sie versuchen, mit Arbeit und Fleiß im fremden Europa Fuß zu fassen, ohne jedoch den Schatten der Vergangenheit (und der rauen Gegenwart in ihrem Viertel) entgehen zu können, das ist  berührend und mitreißend geschildert. Ganz großes Kino!  
 
Großer Preis für „Saul Fia“: Regisseur Laszlo Nemes, Darsteller Geza Röhrig © Katharina Sartena

Großer Preis
: Laszlo Nemes („Saul Fia“).  Die Tragödie „Sohn von Saul“ geht direkt dahin, wo niemand gern hinschaut. Zu den Gaskammern und den Verbrennungsöfen von Auschwitz im Herbst 1944. Der ungarische Regisseur Laszlo Nemes inszeniert die KZ-Hölle in einer unglaublich beeindruckenden Art. Er wählte ein fast quadratisches Bildformat, das immer ganz nah an den Hauptfiguren bleibt. Das Morden und die Qual rundum ist nie zu sehen, aber wie in einem apokalyptischen Hörspiel zu hören. Ein meisterhafter Film, der sich mühelos in die großen Werke zum Thema Holocaust wie Claude Lanzmanns „Shoah“ einreiht.
 
Preis der Jury:  Yorgos Lanthimos („The Lobster“). Eine etwas etwas überraschende Jury-Entscheidung. Yorgos Lanthimos erzählt in seiner ersten internationalen Arbeit von einer dysfunktionalen Gesellschaft, in der es verboten ist, allein zu leben. Als David (Colin Farrell) eben dies versucht, gerät er zwischen die Fronten verschiedener Organisationen, die Widerspruch und Widerspenstige nicht dulden. „The Lobster“ ist ein so genannter Filmemacher-Film, bei dem Regiekollegen genau wissen, welche Intention Lanthimos bei diesem oder jenem Einfall wohl hatte. Der an Mainstream gewöhnte Zuschauer dürfte bei der bleischweren Inszenierung leicht orientierungslos im Kinosaal sitzen.

Kostümdrama „The Assassin“: Regie-Preis für Hou Hsiao-Hsien © Festival Cannes

Beste Regie. Hou Hsiao-Hsien („The Assassin“). Mit Hou Hsiao-Hsien wird in Cannes 2015 auch ein Filmemacher aus Asien gewürdigt. Das Kostümdrama „The Assassin“ zählt zu jener Art Film, der man sich ganz hingeben muss, um zu genießen. Es flirren derart viele Namen im Raum herum, wen die junge Auftragsmörderin im 9. Jahrhundert im alten China töten soll, dass man leicht die Übersicht verliert. Meisterhaft inszeniert und deshalb zu Recht als beste Regie-Arbeit ausgezeichnet. Zur Vorbereitung schadet es nicht, sich wieder einmal das oscar-prämierte Spektakel „Tiger and Dragon“ anzuschauen. Ganz so virtuos geht es in der Geschichte um enttäuschte Liebe und viel Gewalt nicht zu. Aber sehr schön anzuschauen ist „The Assassin“ trotzdem. 

Leidet am „Gesetz des Marktes“: Vincent Lindon, bester Darsteller © Festival Cannes

Bester Darsteller:  Vincent Lindon („La Loi du Marché“). Frankreichs Filmstar Vincent Lindon beeindruckt in „Das Gesetz des Marktes“ (so die deutsche Übersetzung des Filmtitels)  in der Rolle eines 53-jährigen Arbeitslosen, dem schön langsam die Hoffnung auf bessere Zeiten abhanden kommt. Das Arbeitsamt schickt ihn auf sinnlose Schulungen (zum Beispiel als Kranführer) und die Jobs, die ihm angeboten werden, sind nicht unbedingt so, dass er sie mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Eine starke Leistung in einem starken Drama von Regisseur Stéphane Brizé.

Doppelte Festival-Freude: Emmanuelle Bercot, beste Darstellerin © Katharina Sartena

Beste Darstellerinnen: Rooney Mara („Carol“) und Emmanuelle Bercot („Mon Roi“).  Die Auszeichnung von Rooney Mara als beste Darstellerin in „Carol“ ist dieses Jahr der einzige Preis, der mit einem  großen US-Film in Verbindung steht. Natürlich hätte die Jury zusätzlich auch Cate Blanchett  würdigen können, die in der lesbischen Love Story „Carol“ ähnlich glanzvoll spielt wie Rooney Mara. Aber auch der Preis für Emmanuelle Bercot im Beziehungsdrama „Mon Roi“ (Regie: Maiwenn) ist hochverdient. Kein Wunder, dass Bercot von einem unvergesslichen Cannes-Erlebnis sprach: Schließlich durfte sie, als Regisseurin und außer Konkurrenz, mit ihrem Film „La Tete Haute“ das Festival auch eröffnen.
 
Bestes Drehbuch: Michel Franco („Chronic“). Der Drehbuchpreis ging an ein Filmdrama, das den Zuschauer bis an die Schmerzgrenze beansprucht – und die Figuren auf der Leinwand noch darüber hinaus. Tim Roth spielt in „Chronic“ einen Pfleger, der in einer Station für Palliativmedizin arbeitet. Außerdem bietet er, wenn auch ungern, noch weitere Dienste an. Er leistet Sterbehilfe. Jeden Fall nimmt er sich derart zu Herzen, dass es weit über das Berufliche hinausgeht. Der Zuschauer merkt sehr schnell, dass der Mann wahrscheinlich schon vor langer Zeit eine Linie überschritten hat. Blitzsauberes, hartes Arthaus-Kino.

Formidable Jury-Chefs: Ethan (li.) und Joel Coen © Katharina Sartena

Fazit. Cannes 2015 war ein in jeder Hinsicht gelungenes Festival. Man sah im Wettbewerb viele interessante Filme, die auch im Kino reüssieren werden, und erlebte nur wenige Ausreißer nach unten.  Wirklich schlecht erging es einzig Regisseur Gus Van Sant (Goldene-Palme-Gewinner 2003) und seinem Star Matthew McConaughey (Oscar-Gewinner 2014), die mit dem spirituellen Selbstmörder-Drama „The Sea of Trees“ eine eindrucksvolle Sammlung schlimmer Verrisse sammelten.  
Die Jury mit den Coen Brothers, mit Jake Gyllenhaal, Sophie Marceau, Sienna Miller und Xavier Nolan, war nicht nur mit glänzenden Namen besetzt – sie traf auch Entscheidungen, mit denen die meisten Festival-Insider absolut einverstanden waren. Was bei den Jurys großer Filmfestivals definitiv keine Selbstverständlichkeit ist.
Auch außerhalb des Wettbewerbs hatte das 68. Festival de Cannes feine Filme zu bieten. George Millers Action-Hit „Mad Max: Fury Road“ ist ja bereits ein  Blockbuster-Hit in den Kinos der Welt.  Anderen Produktionen, die in Cannes Premiere hatten, steht die Kino-Karriere später im Jahr bevor: Woody Allen etwa wird mit „Irrational Man“ wieder sein Publikum finden. Die Animationsfilme „Alles steht Kopf“ und „Der kleine Prinz“ werden ab Herbst für volle Kinos sorgen.      
 
Die Preisträger von Cannes
Goldene Palme: Jacques Audiard (Frankreich), „Dheepan“.
Großer Preis: Laszlo Nemes (Ungarn), „Saul Fia“
Preis der Jury: Yorgos Lanthimos (Griechenland), „Lobster“.
Beste Regie: Hou Hsiao-Hsien (China), „The Assassin“
Beste Darstellerinnen: Rooney Mara (USA), „Carol“ und Emmanuelle Bercot (Frankreich), „Mon Roi“.
Bester Darsteller: Vincent Lindon (Frankreich), „La Loi du Marché“.
Bestes Drehbuch: Michel Franco (Mexico), „Chronic“.
Goldene Kamera für den besten Erstlingsfilm: Cesar Acevedo (Kolumbien), „La Tierra y la Sombra“.
Goldene Ehren-Palme für das Lebenswerk: Agnès Varda (Frankreich).