Anja Kling , Johannes Zeiler über ihren Film „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“


„Es geht um die Sehnsucht, zaubern zu können“

17.01.2018
Interview:  Gunther Baumann

Noch auf Augenhöhe: Anja Kling und Johannes Zeiler in „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“ © Sony

Neues Zusammentreffen von Groß und Klein: Anja Kling (als zickige Schuldirektorin) und Johannes Zeiler (als brummiger Hausmeister) wiederholen in der deutschen Jugendkomödie „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“ ihre Rollen aus dem Vorgängerfilm, in dem die Lehrerin geschrumpft wurde. Anja Kling wird im Lauf des Films einmal mehr in einen Winzling verwandelt, während Johannes Zeiler das Geschehen ohne Größenwechsel von oben betrachtet. FilmClicks traf die Potsdamerin Kling und den Wiener Zeiler bei der Österreich-Premiere von „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“ zu Interviews.


Anja Kling: „Jeder möchte mal kleiner oder größer sein“ © Sony

FilmClicks: Frau Kling, Ihre Filmfigur in den „Hilfe… geschrumpft“-Komödien, die Schuldirektorin Dr. Schmitt-Gössenwein, wird in der Wikipedia sehr uncharmant als „richtige Schreckschraube“ bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Anja Kling: Das ist gemein, oder (lacht)? Gut, im ersten Film, „Hilfe, ich hab meine Lehrerin geschrumpft“, da war sie eine Schreckschraube. Aber jetzt, in „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“, bemüht sie sich sehr, ein fröhlicherer Mensch zu sein. Sie hat sich sogar extra einen roten Rock gekauft und eine gepunktete Bluse, weil sie denkt, damit ist sie total cool und sehr hip. Aber natürlich ist sie ein bisschen gefangen in sich selbst. Kein Mensch ändert sich wirklich grundlegend. Auch Frau Dr. Schmitt-Gössenwein nicht. Doch sie hat eingesehen, dass man ein bisschen Spaß beim Lernen haben darf und dass das Leben ein bisschen farbenfroher sein darf als es vorher war.
 
Das Motiv von verkleinerten oder sehr kleinen Menschen kommt in Geschichten  immer wieder vor. Von „Gullivers Reisen“ bis zu Ihrem Film oder zu Alexander Paynes „Downsizing“, der lustigerweise gleichzeitig mit „…Eltern geschrumpft“  im Kino startet. Woran liegt die Faszination solcher Storys?
Kling: Ich glaube, dahinter steckt die gleiche Sehnsucht wie jene, zaubern zu können.  Jeder möchte mal zaubern, jeder möchte mal kleiner oder größer sein – oder zumindest die Fähigkeit haben, jemanden klein oder groß zu machen. Das sind Sehnsüchte, mit denen die Menschen seit Jahrtausenden umgehen. Und ich glaube, darum kommt das auch beim Publikum so gut an.
 
Geht es beim Kleinermachen vielleicht auch um eine Umkehrung von Machtverhältnissen?
Kling: Na klar. Jemandem, der plötzlich klein ist, dem wird ganz direkt die Macht genommen. Ob das nun die Eltern sind oder die Lehrerin oder wer auch immer. Von da unten können die Kleinen nicht mehr viel ausrichten. Die nimmt man einfach und steckt sie in die Tasche (lacht).
 
Spielen Sie generell gern in Kinderfilmen?
Kling: Sehr gerne. Ich habe ja schon früher einige Kinderfilme gemacht. Ich freue mich immer, wenn man mich für so ein Projekt anfragt.
 
Muss man in einem Kinderfilm anders spielen als mit erwachsenen Partnern?
Kling: An sich nein. Aber in einem Film wie „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“ schon. Da kann man dem Affen Zucker geben und da darf man übertreiben. Letztlich ist das eine Fantasy-Geschichte, in der die Guten richtig gut und die Bösen richtig böse sind. Doch ich habe auch Kinderfilme gedreht, in denen ich überhaupt nicht übertrieben habe und so gearbeitet habe wie mit erwachsenen Kollegen.
 
Eine ganz andere Frage zum Thema schrumpfen: Man hört immer wieder, dass beim Film, vor allem beim Fernsehfilm, die Drehzeiten gekürzt werden, um Geld zu sparen. Wird der Schauspielerberuf härter?
Kling: Ja, durchaus. Man soll mit immer weniger Zeit und weniger Geld bessere Qualität liefern. Das ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Wir versuchen oft, hohe Qualitätsstandards zu halten, indem wir vor dem Dreh ganz viel proben; das sind dann unbezahlte Tage. Denn wenn man erst am Set anfängt, zu diskutieren, dann hat man schon verloren. Einen Fernsehfilm, den wir früher beispielsweise in 26 Tagen gedreht haben, den drehen wir jetzt in 20. Die sechs Tage weniger sind einfach deutlich zu spüren. Gott sei Dank bereite ich mich immer sehr gut vor und bin sehr textsicher. Wenn man da ankommt und seinen Text nicht kann, dann kann man auch wieder nach Hause gehen.
 
Lernen Sie bei einem Film also stets Ihren kompletten Text, bevor der Dreh beginnt?
Kling: Das ist unterschiedlich. Ich lese die Drehbücher mehrfach vor dem Dreh, aber bei Rollen, in denen ich hier und dort einen Satz oder Dialoge habe, muss ich nicht alles vor dem ersten Drehtag auswendig können. Doch bei einem Film wie kürzlich dem Tatort „Dunkle Zeit“, in dem ich eine rechte Politikerin spielte, habe ich jedes einzelne Wort vorher gekonnt. Weil ich wusste, dass ich es mir nicht leisten kann, bei diesen für mich schwierigen Texten, die mit mir gar nichts zu tun haben, erst am Abend vorher den Text zu lernen. „Dunkle Zeit“ ist ein Film, für den ich komplett in eine andere Figur hineinschlüpfen musste. Da wusste ich, dass ich alles schon vorher im Kopf haben muss.
 
Bei Frau Dr. Schmitt-Gössenwein in „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“ ging das wahrscheinlich ein bisschen leichter.
Kling: Stimmt, da waren die Texte leichter (lacht).
 
Wie fühlte es sich denn an, einen geschrumpften Menschen zu spielen? So wie immer – oder mussten Sie sich speziell darauf einstellen?
Kling: Man muss sich darauf einstellen. Allein deswegen, weil diese Szenen ganz anders gedreht werden als alles, was man sonst vor der Kamera macht. Man steht ohne Partner – von denen hört man nur die Stimme – in einem grünen Saal. Man kann nicht geradeaus schauen, wenn man mit jemandem spricht, sondern muss immer nach oben blicken. Das ist schon eine Herausforderung und wirklich etwas anderes als sonst.
 
Bekamen Sie für diese Szenen eigene Dekorationen oder wurden die durch die Green Screens erst in der Nachbearbeitung hinzugefügt?
Kling: Wenn wir klein sind, dann ist alles Green Screen. Da gibt es höchstens mal einen großen Bleistift oder große Schuhe, die für uns nachgebaut wurden. Doch die Sets, die sind alle Green Screen. Da heißt es dann als Regieanweisung, geh mal bis zu der Linie, und da guckst du dann runter, denn das ist die Tischkante. Und wenn ich ein bisschen zu weit gehe, dann sagen sie, oh, jetzt wärst du eigentlich runtergefallen. Es ist also viel Fantasie gefragt.
 
Johannes Zeiler: „Man macht sich eine Imagination“ © Sony

Herr Zeiler, wie spielt man das, wenn man vor der Kamera als großer Mensch mit einem geschrumpften kleinen Menschen interagiert?

Johannes Zeiler: Das ist kein großes Ding. Man macht sich eine Imagination. Die Verwunderung darüber, dass mein Gegenüber – Anja Kling als Schuldirektorin – plötzlich so klein ist, kann man natürlich nicht logisch auflösen. Das behauptet man einfach. Man hat es auf dem Set mit Markierungen, so 3D-Strichmanderln, zu tun, damit die Position der geschrumpften Person genau eingearbeitet werden kann.
 
Sie spielten fürs Kino schon die Titelrolle in Goethes „Faust“, den Wiener Bürgermeister Helmut Zilk und nun den Schul-Hausmeister in „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“. Da kann man von einem wirklich breiten Repertoire sprechen…
Zeiler: Stimmt. Diese Vielseitigkeit ist im Film-Business zwar nicht immer der einfachste Weg zum Erfolg, aber für mich ist das die Grundlage, das Spannendste und das Herausforderndste, am Schauspieler-Beruf.
 
Ein Film wie Alexander Sokurovs „Faust“ fordert, nehme ich an, eine sehr aufwendige Vorbereitung. Beim Kinderfilm war das wohl etwas leichter.
Zeiler: Ja; allein schon, was den Umfang der Rolle betrifft. Bei einem Film wie „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“ hole ich Vieles hervor, was ich bereits in anderen, ähnlichen Rollen, auch am Theater, verwendet habe und kann das endlich einmal in komödiantischer Art und Weise zum Besten geben. Zum Beispiel schnelle Blickwechsel, oder die Miene, die einem zusammenfällt – solche clownesken Elemente kann man im Film sonst nicht einbringen. Aber in einem Kinder- oder Jugendfilm ist es möglich in einer Rolle, die ja durchaus komisch wirken soll. Auch wenn meine Figur, der Hausmeister Michalski, auf den ersten Blick ernst ist.
 
Erfordert ein Jugendfilm eine andere Spielweise als ein Drama für ein erwachsenes Publikum?
Zeiler: Grundsätzlich nicht. Aber man hat eben doch im Jugendfilm die Möglichkeit, etwas dicker aufzutragen. Weil man Kinder auf diese Weise besser binden kann; sie sind auch offener für eine etwas kräftigere Spielweise.
 
Wenn Sie sich an Ihre Schulzeit zurückerinnern: Gab es da Personen, die Sie gern geschrumpft gesehen hätten?
Durchaus. Da gäbe es einige Kandidaten, die man gern in eine Zündholzschachtel eingesperrt hätte. Lehrer natürlich, aber auch Schulkollegen, die einen getriezt haben. Es gab aber auch viele Situationen, in denen ich mich selbst als geschrumpft gewünscht hätte. Um durch bestimmte Schlüssellöcher durchkraxeln oder um Mäuschen spielen zu können. Es wäre doch interessant gewesen, mitzulauschen, wie die Lehrer über einen sprechen. Oder auch die Eltern, wenn man nicht dabei ist.
 
Wie sind Sie zu den zwei „Hilfe… geschrumpft“-Komödien gekommen?
Zeiler: Ganz einfach, ich bekam eine Anfrage über meine Agentur, und das war’s dann. Ob es in Zukunft vielleicht noch einen dritten Film der Serie geben wird, das weiß ich nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass da noch einmal etwas auf mich wartet, aber da lasse ich mich überraschen. Denn das ist ja unser tägliches Geschäft als Schauspieler, sich überraschen zu lassen. Es gibt immer viele Projekte, und momentan warte ich zum Beispiel auch auf die Premiere von „Wackersdorf“, einem Kinofilm mit mir in der Hauptrolle, der im Herbst herauskommen wird.
 
Worum geht’s in „Wackersdorf“?
Zeiler: Um die Proteste gegen die Atom-Wiederaufbereitungsanlage, die in den Achtziger Jahren im bayerischen Wackersdorf geplant war. Ich spiele den Landrat Hans Schuierer, der damals im Zentrum des Geschehens stand. Das ist also wieder eine ganz andere Rolle. Nach Helmut Zilk und nach Bruno Kreisky – vor vielen Jahren am Theater – spiele ich wieder einen sozialdemokratischen Politiker. Eine sehr spannende Geschichte. Und es gibt sogar eine kleine Parallele zu „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“: Die Selbstbestimmtheit und der Mut, sich größten Herausforderungen zu stellen, die im Kinderfilm der kleine Felix an den Tag legen muss, weil seine Eltern verschwunden beziehungsweise geschrumpft sind – darum geht es in viel größerem Rahmen auch in „Wackersdorf“.
 
A propos Zilk: Ich fand Sie sehr eindrucksvoll in der Rolle von Helmut Zilk in Franz Novotnys Drama „Deckname Holec“. War es schwer für Sie, sich den damaligen ORF-Fernsehdirektor und späteren Wiener  Bürgermeister anzueignen?
Zeiler: Jede Rolle hat in der Vorbereitung ihre eigenen Knackpunkte. Wenn man über diesen Hügel  drüberkommt, erhält die Arbeit eine Eigendynamik. Bei Helmut Zilk ging es vor allem darum, das unglaubliche Selbstbewusstsein, das Machertum und die Macho-Ausstrahlung dieses Mannes herzustellen. Wenn man das erst mal drinnen hat, geht vieles wie von selbst.
 
Noch eine Frage zu Sokurovs „Faust“, der in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Bedeutete die Titelrolle in diesem Film einen Karrieresprung für Sie?
Natürlich. Der Erfolg des Films in Venedig hat mir viel geholfen, um bekannter zu werden. So wie die Vielfalt der Rollen ist mir auch die Vielfalt der Medien wichtig, die ich bediene: Kino, Fernsehfilm, Serie. Wenn dann noch etwas Europäisches über die Grenzen hinweg dazukommt, ist das ganz toll.      



Kritik
Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft
In der Komödie „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“ werden, wie schon beim Vorgänger-Film, in dem eine Lehrerin geschrumpft wurde, einige Menschen miniaturisiert. Auch der Witz des Schüler-Schwanks ist eher klein als groß geraten. Mehr...