Leander Haußmann über seine Komödie „Das Pubertier“


„Eine Liebeserklärung an die Generation Pubertier“

06.07.2017
Interview:  Peter Beddies

Regisseur Leander Haußmann: „Die Erwachsenen, das sind die anderen. Ich nicht“ © Constantin

Wenn das kein Kompliment ist: „Papa, das ist dein liebster Film“, hörte Regisseur Leander Haußmann aus dem Mund seiner Tochter über seine aktuelle Komödie „Das Pubertier“. Haußmann, der sich mit heiteren Meisterwerken wie „Sonnenallee“ und „Herr Lehmann“ in die deutsche Filmgeschichte einschrieb,  hat in seinen neuen Film auch eigene Erfahrungen in Sachen Pubertät einfließen lassen: „Meine Pubertät wird vorbei sein, wenn ich mich erwachsen fühle. Doch ich habe immer noch das Gefühl, die Erwachsenen, das sind die anderen. Aber ich nicht.“ Jenseits des Films arbeitet der ewig unerwachsene Haußmann, 58, derzeit an einem der jugendlichsten Stücke von William Shakespeare. Mit seiner Inszenierung der Komödie „Ein Sommernachtstraum“ eröffnet er am 6. September die neue Saison des Wiener Burgtheaters.  


FilmClicks: Herr Haußmann,  welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Pubertät?
Leander Haußmann: Ich kann mich an meine Pubertät nicht erinnern. Die war überlagert von zu viel Stress. Also, Pubertät ist ja Luxus. In dem Moment, in dem Kinder die Pubertät merken, geht es ihnen eigentlich gut.
 
Ist das Ihr Ernst?
Natürlich. Ich möchte nicht wissen, wie Kinder in Flüchtlingsheimen die Pubertät wahrnehmen. Wahrscheinlich gar nicht. Weil da andere Sachen wichtig sind. Weil es einen anderen Druck gibt.
 
Den Druck haben Sie in dem Land, in dem Sie aufgewachsen sind – in der DDR -, ja auch gespürt.
Richtig. Aber das war ein anderer Druck. Ich war halt ein schlechter Schüler. Oder besser gesagt, kein schlechter Schüler. Ich war eher einer der Schüler, bei denen man nur auf die Leistung geschaut hat und nicht auf das mögliche Potential. Dazu kam noch mein nicht vorhandenes Verhältnis zur DDR. Es wurde ja ständig von einem abverlangt, dass man die DDR gut finden musste. Wollte und konnte ich nicht. Daraus erwuchsen schon Situationen, die nicht besonders schön waren.

Propeller-Eltern: Jan Josef Liefers und Heike Makatsch mit Film-Tochter Carla © Constantin

Sie zeigen in Ihrer Komödie „Das Pubertier“ Propeller-Eltern, die ihre Kinder verstehen und alles nachvollziehen wollen. Das ist ein neues Phänomen, oder?
Ja und nein. Also, ich kenne das aus meiner Jugend nicht. Es ist ja nicht so, dass damals alles schlecht war. Meine Eltern haben mich zum Beispiel in Ruhe gelassen. Das war geil. Meine Eltern waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und mein Vater hatte auch so überhaupt keinen Plan von der Erziehung. Ich hatte ja Glück. Durfte ziemlich viel machen. Meine Schwester hatte da weniger Glück. Da hat sich mein Vater im Dunkeln vor der Disco – so viel zum Thema Propeller-Eltern, es ist eben nicht neu – versteckt, um zu sehen, mit wem sie rauskommt.
 
Moment. Ganz kurz. Ihr Vater Ezard Haußmann war in der DDR ein berühmter Schauspieler. Wenn er bei dieser Aktion entdeckt worden wäre… 
Ist er ja. Aber das war ihm alles andere als peinlich. Er war der Meinung, dass er schauen muss, mit wem sich seine Tochter so rumtreibt. Und ob sie pünktlich aus der Disco kommt.  Deshalb sage ich auch immer, dass „Das Pubertier“ zwar auf den Büchern von Jan Weiler beruht. Aber ich habe auch Sachen und Eindrücke aus meinem Leben mit einfließen lassen. 
 
Wenn Sie sagen, dass Ihr Vater keinen Plan von Erziehung hatte…
…ach, Erziehung ist eh ein Wort, das sich überlebt hat. Man kann nur scheitern. Ich habe es doch bei meinem ersten Sohn gesehen. Da haben wir miteinander gekämpft. Ich bin gescheitert. Bei meinen Töchtern ist das anders. Die erziehen sich selber. Die haben ihre eigene moralische Grenze. Die informieren sich fernab von uns. Und das tun sie aus meiner Sicht sehr verantwortungsbewusst. Und auf der anderen Seite auch mit einer gewissen Angst. Wir waren damals furchtloser. Wir müssen uns im echten Leben nicht so große Sorgen machen wie Jan Josef Liefers als Vater im „Pubertier“.
 
Dieser Vater kann einem im Film fast leidtun. Er erscheint so völlig ahnungslos.  
Na ja, „Das Pubertier“ steht ja in einer gewissen Tradition. Es ist die alte Konstellation: „Mutter lässt den Vater mit der Erziehung allein und er kümmert sich nun um die Kinder“. Um die er sich bisher als Journalist nicht gekümmert hat. Was er nicht bedenkt, ist, dass das eigentliche Problem nicht das Kind ist, sondern er selber. Für mich ist dieser Film eine Liebeserklärung an die Generation Pubertier, die jetzt gerade damit zu tun hat. Ich hatte gehofft, mal ein alter Mann zu werden und mit dem Krückstock auf die Jungen zu schimpfen – kann ich nicht! Ich liebe diese jungen Leute. Eben weil sie so wenig arrogant sind und uns mitnehmen und sich weit weniger abgrenzen, als wir das mit unseren Eltern getan haben.
 
Wie viel Konflikt sollte die jetzige Eltern- mit der Pubertier-Generation haben? Oder ist es natürlich, dass wir eher konfliktarm miteinander leben?
Ich würde es mal so sagen. Mein Sohn ist Singer/Songwriter und tief beeindruckt von Bob Dylan. Von seinem Vater weiß er, dass der – benutzen wir ruhig mal das Wort – ein Fan von Dylan ist. Was anderen ihr Goethe, ist mir mein Dylan. Da hatten mein Sohn und ich schon immer einen Punkt, über den wir reden konnten, an dem wir uns verstanden haben. Mein Vater hingegen, obwohl er die Generation Rock`n`Roll war, hatte mit Rock`n`Roll so überhaupt nichts zu tun. Das hat er nicht verstanden. Also fehlte uns da schon mal eine Basis. Aber mein Sohn und ich hatten schon heftige Konflikte. Da ging es um Politik. Er driftete immer mehr in die linksradikale Ecke ab und da habe ich ihm gesagt, dass es das im Haus Haußmann – nach all der Erfahrung der DDR – nicht gibt. Und ich bin aktiv geworden.
 
Inwiefern?
Mein Sohn war immer mit Steinen unterwegs auf Demos. Wenn ihn die Polizei erwischt hat, dann hatte er den Stein gerade eben aufgehoben oder einem Freund geholfen. Er hatte ein striktes Schwarz-Weiß-Bild. Die einen waren die Nazis und die anderen die Guten. Also habe ich bei der Polizei angerufen und habe mich mit einem Sonder-Einsatzkommando verbinden lassen und gebeten, ob die mal mit meinem Sohn reden könnten. Da kamen dann zwei Leute. Ein Kerl wie ein Schrank und eine sehr schöne Frau. Die sah so ein bisschen aus wie Nastassja Kinski in jungen Jahren. Die haben von ihrer Arbeit erzählt. Vielleicht war es unfair, was ich damals gemacht habe. Aber mein Sohn ist nie wieder auf so eine Demo gegangen. Das ist mein Rat an Väter: Nicht immer gleich durchdrehen. Manchmal kommt man mit Ruhe und Überlegung weiter.
 
Wie sieht Ihr Sohn Ihre Konflikte heute. Fand er es gut, dass er sich an Ihnen reiben konnte und wie alt ist er überhaupt?
Der ist jetzt 25. Ich sage, er ist immer noch in der Pubertät. Ich übrigens auch. Was es nicht leichter macht. Ich sage ja immer, dass die Pubertät länger dauert, als man denkt. Hat er sich gern an mir gerieben? Ich glaube nicht. Aber er hält mich eh für verschroben.
 
Wie haben Ihre Kinder auf den Film reagiert?
Also meine Tochter hat zu mir gesagt: „Papa, das ist Dein liebster Film“. Da ist auf jeden Fall etwas dran. Eben weil ich den Stoff nicht nur einfach so genommen, sondern Dinge aus meinem Leben mit eingeflochten habe. Ich erzähle hier in der Hauptsache von der Liebe zu meinen Kindern. Und natürlich von der Liebe zu meinen Eltern.



Kritik
Das Pubertier
Die Komödie „Das Pubertier“ handelt von einer 14-Jährigen namens Carla (Harriet Herbig-Matten), die komplett die Orientierung verliert, als sie von den Hormonen in die Pubertät geworfen wird. Jan Josef Liefers brilliert als Carlas Vater. Mehr...