Samuel L. Jackson Über „The Hateful 8“ und Quentin Tarantino


„Es genügt, wenn Quentin anruft“

17.01.2016
Interview:  Peter Beddies

Samuel L. Jackson: „Die Arbeit mit Tarantino ist mit nichts zu vergleichen, was ich sonst erlebte“ © Universum

„The Hateful 8“: Zum sechsten Mal ist Samuel L. Jackson in einem Film von Quentin Tarantino zu sehen. Im FilmClicks-Gespräch erzählt der Top-Star und Kassenmagnet Jackson (seine Filme spielten im Kino bisher 4,63 Milliarden Dollar ein), warum er bei Tarantino-Projekten stets zusagt, ohne das Drehbuch zu kennen.  Und warum die Dreharbeiten zum „Hateful“-Western (Kinostart: 28. Januar) nur durch intensives Kuscheln des Ensembles zu ertragen waren.


FilmClicks: Mr. Jackson, wie läuft das ab, wenn Quentin Tarantino Sie zu einem neuen Projekt einlädt? Schickt er Ihnen das Drehbuch?
Samuel L. Jackson: Drehbuch lesen? Warum? Es reicht doch, wenn Quentin anruft. Ich glaube, er würde es nicht verstehen, wenn ich ihm sagen würde, dass ich erst mal das Buch prüfe. Nein, bei Quentin weiß ich genau, was mich erwartet und welchen Spaß ich haben werde.
 
Zum Spaß wäre es im Fall von „The Hateful 8“ beinahe nicht gekommen.
Stimmt. Quentin war total sauer. Er hatte das Drehbuch an drei oder vier Leute seines Vertrauens geschickt und einer von denen hat es dann ins Netz gestellt. Das war für Quentin, der mit jedem Satz so lange ringt, bis er zu 100 Prozent passt, die absolute Katastrophe. Ich glaube, es hat nicht viel gefehlt, und er hätte seine Karriere ganz und gar beendet.
 
Aber dann gab es die Lesung des Drehbuchs in Los Angeles.
Ja, ich weiß nicht mehr, wer die Idee hatte. Aber wir Schauspieler waren von der Lesung in einem Theater alle sofort begeistert. Auch wenn einige von uns erst kurz vor Beginn realisierten, dass der Saal nicht – wie sonst bei solchen Veranstaltungen – leer war. Da saßen Hunderte glückliche Tarantino-Fans und haben atemlos gelauscht und am Ende gab es einen Riesenjubel und zehn Minuten Standing Ovations. Ein absolut beglückender Abend. Am nächsten Tag meinte Quentin mit einem breiten Grinsen: „Ich glaube, wir müssen den Film dann doch machen!“.

Masken-Mann: Quentin Tarantino beim Dreh von „The Hateful 8“ © Universum

Sie sind einer der Schauspieler, die über die Jahre am häufigsten mit Tarantino gedreht hat. Arbeitet er heute anders als vor 20 Jahren?
Also, die Arbeit mit ihm ist mit nichts zu vergleichen, was ich sonst so erlebt habe.
 
Das klingt exakt nach dem, was Stars immer über ihre Regisseure sagen.
Aber hier ist es anders als das übliche BlaBla. Ich werde es Ihnen erklären. Quentin vermag es, wie kaum ein anderer Regisseur, eine ganz spezielle Stimmung am Set zu erzeugen. Das liegt zum einen daran, und das musste er vor 20 Jahren noch nicht, dass er Elektronik am Set verbietet. Alles, was man aus- und einschalten kann, das ist verboten.
 
Und daran halten sich alle?
Wenn nicht, nagelt er Smartphones an Decken oder Türen. Bei ihm gibt es all diese Dinge nicht, wenn er einen Film dreht. Er ordnet das an und das hat einen fantastischen Effekt. Wann immer nach einer Aufnahme der Ruf „Cut“ kommt und sich die Schauspieler eigentlich über ihre elektronischen Dinger beugen, beginnt eine völlig neue/alte Erfahrung. Man redet wieder miteinander. Es werden alle Türen geöffnet. Jemand macht Musik an. Quentin stellt sich hin und erzählt Quentin-Geschichten und niemand käme auf die Idee, Mails zu checken und an die Zeit danach zu denken. Man ist – dank Quentin – total im Moment. Was sich übrigens auch auf die Zeit danach auswirkte.
 
Inwiefern?
Nun ja. Wir spielen ja einen Haufen von hasserfüllten Menschen in einer Hütte. Typen, die sich jederzeit an die Gurgel gehen könnten. Aber manchmal mussten wir uns richtig Mühe geben, so fies zu sein. Denn in den Pausen waren wir so gute Freunde geworden, dass wir auch Wochen später – was selten passiert – uns noch Nachrichten schickten, wie sehr wir uns vermissen würden. Da konnte man glatt rührselig werden.

„Wir mussten uns richtig bemühen, fies zu sein“: Jackson mit Kurt Russell © Universum

Der Film spielt mitten im tiefsten Winter in Wyoming. Es sieht richtig tief verschneit  aus und selbst in der Hütte scheint es eisig kalt zu sein.
Das war eine der typischen Quentin-Überraschungen. Nachdem wir alle Szenen im Freien gedreht hatten, ging es in ein Studio. Ich glaube, viele von uns dachten, dass es nun schön warm werden würde. Aber Tarantino liebt den Realismus. Also wurde die Hütte in eine große Studiohalle gestellt und die Halle dann – für unglaubliche Summen – auf irgendwas zwischen minus 10 und minus 20 Grad runtergekühlt. Wir mussten dann da rein und spielen. Sieht echt aus. War aber arschkalt und in den Pausen mussten wir ganz schön kuscheln, damit uns wieder warm wurde.                        
 
Im Film geht es um viele Fragen. Unter anderem auch, wer man ist und ob man der ist, der man vorgibt, zu sein. Sind Sie zufrieden mit dem, der Sie sein dürfen?
Danke der Nachfrage. Ich bin sehr zufrieden. Auch wenn ich nicht immer als der erkannt werde, der ich bin.
 
Kann ich mir nicht vorstellen.
Oh doch. Letztens war ich in Berlin in einem Restaurant und ein Mann kam zu mir und meinte: „Hi Morgan“. Selbst als ich ein Foto von Morgan Freeman auf meinem Handy neben mein Gesicht hielt, behauptete er steif und fest, ich sei Morgan und nicht Sam.      
 
Bei allem Respekt. Sie werden nicht jünger und drehen dennoch jedes Jahr weiter Actionfilme.
Wollen Sie wissen warum? Weil ich ein Junge bin: „Boys, Toys, Noise“ – verstehen Sie?! Was will man denn als Kind? Entweder der Held sein oder der Böse. Und dann richtig Bambule machen. Rumrennen und sich austoben. Das Bedürfnis trage ich nach wie vor in mir. Zum Glück habe ich ganz gute Gene. So dass ich noch nicht allzu häufig den alten Mann angeboten bekomme.       



Kritik
The Hateful 8
Quentin Tarantino hat mit „The Hateful 8“ ein meisterhaftes Western-Kammerspiel gedreht, das mit der für ihn typischen Mischung aus geschliffenen Dialogen, Gewalt und großer Schauspielkunst beeindruckt. Mehr...