Alphabet

Auf der Suche nach der verlorenen Kreativität


FilmClicks:
Die Kreativität ist fast zum Greifen spürbar: Kinder im „Malort“ in Paris © Filmladen
DIE STORY: Der Wiener Dokumentar-Filmer Erwin Wagenhofer geht in „Alphabet“ der Frage nach, was im Bildungssystem schiefläuft. Seine Bestandsaufnahme: „98 Prozent aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es nur noch zwei Prozent.“
DIE STARS: Erwin Wagenhofer erreicht mit seinen Dokus Zuschauerzahlen, von denen viele Spielfilm-Regisseure nur träumen können. „We Feed The World“ kam in Österreich auf 202.000 Kinobesucher, die Finanzskandal-Analyse „Let’s Make Money“ lag mit 197.000 Zuschauern nur knapp dahinter. Um herauszufinden, warum aus begabten Kindern angepasste Arbeitsbienen werden, bat er in „Alphabet“ etliche Experten vor Mikrofon und Kamera: Den britischen Denker und Autor Sir Ken Robinson etwa, „Mr. PISA“ Andreas Schleicher, den Pädagogen Arno Stern oder den Neurobiologen Gerald Hüther.
KURZKRITIK: „Alphabet“ ist ein fesselnder Film, der das trocken klingende Thema Bildung & Erziehung in eine farbige, spannungsgeladene Kino-Produktion übersetzt. Das liegt einerseits an den klug ausgewählten Gesprächspartnern, die viel Erhellendes und auch Provokantes zu sagen haben. Und es liegt an Regisseur Wagenhofer, der die Handlung energisch vorantreibt und der die Analysen und Thesen der Fachleute mit feinen Bildern unterstützt. So wird die Lehrstunde über das Lernen (und dessen Schattenseiten) zur unterhaltsamen Bildungs-Lektion.
IDEAL FÜR: alle, denen die Chancen der Kinder und der Zustand der Welt am Herzen liegt.
FilmClicks Kritik. Erst kommen Ultraschall-Bilder von einem Embryo aus dem Mutterleib. Dann fährt die Kamera durch die Wüste des Death Valley in Kalifornien; akustisch begleitet von den sehr lebendigen Worten des Briten Sir Ken Robinson: „Der Mensch besitzt eine ganz außergewöhnliche Gabe – die Vorstellungskraft.“ Doch gleich darauf lässt Robinson eine kalte Dusche folgen: „Ich glaube, dass wir systematisch diese Fähigkeit in unseren Kindern zerstören.“  
 
Regisseur Erwin Wagenhofer ging sein neues Doku-Projekt mit ein paar Grundfragen an: „Warum geraten Kulturen, die sich als hochentwickelt sehen, in den Strudel von gewaltigen Krisen? Warum sind wir so unglücklich, obwohl wir scheinbar alles haben? Warum leben wir in einer Erwerbsgesellschaft und nicht in einer Tätigkeitsgesellschaft?“
 
Wagenhofers Antwort: „Es liegt daran, wie wir auf dieses Leben vorbereitet werden, wie wir erzogen, sozialisiert und letztlich gebildet werden. Mit anderen Worten: Welches Alphabet wir übergestülpt bekommen.“ Und da, so meint der Filmemacher aus Wien, liegt sehr viel im Argen.
 
„Alphabet“ nimmt den Zuschauer mit auf eine Bildungsreise der ungewöhnlichen Art. Die erste wichtige Station ist China, wo der Film dabei zuschaut, wie Schüler zu perfekt funktionierenden Werktätigen gedrillt werden. Das geschieht sehr zum Wohlwollen von PISA-Koordinator Andreas Schleicher, der ebenfalls anwesend ist: „Es ist möglich, aus allen Kindern sehr viel rauszuholen.“ Die müden Augen mancher Eleven deuten aber darauf hin, dass sie diese Form des Herausholens nicht wirklich schätzen. Resignierter Kommentar des chinesischen Erziehungswissenschaftlers Yang Dongping: „Unsere Kinder gewinnen am Start und verlieren im Ziel.“
 
Der Film macht einen gruseligen Besuch in einer McKinsey-Akademie in Deutschland, wo glattgebürstete und gleichgeschaltete StudentInnen im Business-Outfit leistungsorientiert von Leistung schwärmen – „alles andere ist egal“.  Ein Leistungsträger gibt später contra: „Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen unserer Zeit“, sagt Thomas Sattelberger, langjähriger Personalvorstand der Deutschen Telekom.
 
„Alphabet“ sucht und findet Alternativen. Besonders schön ist jene  des französischen Pädagogen Arno Stern, der Kinder in seinem „Malort“ in Paris einfach malen lässt. Die Kreativität, die diesen Malersaal für Kids durchzieht, ist im Film fast zum Greifen spürbar. Und das Glück der in ihre Phantasie versunkenen kleinen Künstler auch: „Was weiß denn die Schule von den wahren Bedürfnissen der Kinder? Jeder Mensch ist genial, wenn man ihm gewährt, es zu sein.“
 
Das ist eine These, der Erwin Wagenhofer nicht wirklich fern steht. Er führt seinen Film, der so viele Missstände aufdeckt, einem optimistischen Finale entgegen. Man hört noch einmal den Briten Ken Robinson, der einen Spruch von Benjamin Franklin zitiert: „Es gibt drei Arten von Menschen. Solche, die unbeweglich sind. Solche, die beweglich sind und solche, die sich bewegen. Ich ermutige Sie, sich zu bewegen.“
 
In diesem Sinne: Auf ins Kino!





Trailer
LÄNGE: 90 min
PRODUKTION: Österreich / Deutschland 2013
KINOSTART Ö: 11.10.2013
REGIE:  Erwin Wagenhofer
GENRE: Dokumentation
ALTERSFREIGABE: jugendfrei